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  • Carolin Kassella

Bücher des Jahres – 2020



"Ja, natürlich waren wir prätentiös –

wozu ist die Jugend sonst da?" Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte


Buchliebhaber, Literaturfreunde und Leseratten benötigen keine Zeiteinteilung, um ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort und erzählte Geschichten - ob in Prosa-, Lyrik- oder Sachbuchform - Ausdruck zu verleihen.


Demnach halte ich es für geradezu lächerlich und obsolet, sich dem Mainstream des "Jahresrückblicks" in dieser Kategorie hinzugeben. Gute Bücher und Erzählungen sind meines Erachtens zeitlos und beinhalten meist universelle Lektionen. Die Gefühle und Assoziationen, die sie beim Leser oftmals oder idealerweise hervorrufen, hinterlassen einen bleibenden Eindruck – und das Buch bleibt somit im besten Fall noch lang in Erinnerung.


Doch da wir Menschen hochkomplexe, widersprüchliche Wesen sind, die in einem Moment das eine behaupten, und im nächsten schon wieder das Gegenteil tun, lade ich nun doch zum Rückblick mit meinen literarischen Sternstunden aus 2020 - "Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie und "Dieses ganze Leben" von Raffaella Romagnolo.

Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie (englische Originalfassung) © Anchor Books, 2013


Bereits in einem vorherigen Artikel empfahl ich einen anderen Roman der nigerianischen Schriftstellerin und bekennenden Feministin Adichie ("Half of a Yellow Sun"). Mit "Americanah" hat sie mich vollends von ihrer Gabe des Geschichtenerzählens überzeugt. Ihre Sprache ist lebendig, daher fand ich mich vergleichsweise schnell in das Buch und die Charaktere ein, wobei es einen Moment dauerte, bis ich die Rückblenden und das Springen zwischen den Zeiten begriff.


Protagonistin ist Ifemelu, die in Nigeria aufwächst und unter anderem aufgrund der Militärdiktatur in Nigeria schließlich in Amerika Fuß fassen will. Ihre Jugendliebe Obinze versucht sein Glück in London; Jahre später kehren beide in ihre Heimat zurück.

An das Buch fesselte mich die Verbindung von Ifemelus und Obinzes persönlicher, tragischer Geschichte als Migranten, die doch immer Außenseiter und marginalisierten Gruppen angehörig bleiben, mit den politischen Standpunkten, die Adichie durch die Stimme Ifemelus einfließen lässt. Unter anderem aus Ifemelus Essays auf ihrem Blog erfährt der Leser, wie Afrikanerinnen und Afrikaner sich als Migranten in Amerika oftmals fühlen, und dass eine schwarze Hautfarbe allein kein Identifikationsmerkmal darstellt – Afrikaner ist auch in den USA nicht gleich Afrikaner; zwischen den verschiedenen Herkunftsländern des afrikanischen Kontinents wird in Amerika nochmals differenziert und diskriminiert, gibt die Autorin zu verstehen. Das Buch ist dahingehend hochpolitisch und könnte Lesern mit anderen Ansichten eventuell etwas sauer aufstoßen – doch genau das scheint die Autorin zu beabsichtigen: provozierend und mit schonungsloser Offenheit legt sie den Finger in die Wunde des (Amerikanischen) Rassismus und kulturübergreifender Ausgrenzung.


Adichie selbst ist in Nigeria aufgewachsen und zum Studium nach Amerika gegangen. Heute lebt sie nach eigenen Angaben sowohl in ihrer Heimat als auch in den USA.


Insgesamt transportiert das Werk Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit, Hoffnung, Schmerz, Identifikation und Ehrgeiz auf ergreifende und aufwühlende Weise. Rückblickend definitiv mein literarisches Highlight des vergangenen Jahres, und inmitten der aufgeblühten globalen Anti-Rassismus- und Anti-Diskriminierungs-Bewegung "Black Lives Matter" in 2020 so relevant wie eh und je.

Dieses ganze Leben von Raffaella Romagnolo (übersetzt aus dem Italienischen von Maja Pflug) © Diogenes Verlag, 2020



Romagnolo liefert in "Dieses ganze Leben" eine emotionale "Coming of Age"-Geschichte der Teenagerin Paoletta De Giorgi, die in eine wohlhabende Familie von Industriellen hineingeboren wurde. Als sie ihren Bruder im Rollstuhl in ein anderes Viertel der Stadt kutschiert, das von sozialem Wohnungsbau geprägt ist, entwickeln beide Freundschaften mit zwei Jungen aus der Siedlung. Die Geschichte nimmt dann an Fahrt auf, denn ein lange und wohl gehütetes Familiengeheimnis kommt somit ans Licht.


Die 1971 geborene Autorin Romagnolo schafft es, der Teenagerin Paoletta, aus deren Sicht das Buch erzählt wird, eine authentische Stimme zu verleihen, mitten im 21. Jahrhundert mit all den Dingen und Problemen, die die heutige Jugend beschäftigen und mit denen die Autorin selbst nicht aufgewachsen ist. Dabei wirkt die moderne Sprache nie aufgesetzt oder aus konservativer Brille beäugt, sondern weckte bei mir Empathie für die anfangs hässlichen Gedanken einer sonst liebenswürdig gezeichneten Heranwachsenden. Zudem wirft Romagnolo einen kritischen Blick auf soziale Strukturen und korruptes Unternehmertum in Italien.


Dafür, dass ich mich vor allem aufgrund des grandiosen Buchcovers für den Kauf entschied, eine gelungene Überraschung und Entdeckung der begabten Romagnolo.

Weitere zeitlose, literarische Empfehlungen sind in früheren Artikeln zu finden:


Etgar Keret: »Die sieben guten Jahre«:

https://www.carolinacarlotta.com/post/food-for-thought-pt-iv


"Current Top Picks – N° 8" vom März 2020:

https://www.carolinacarlotta.com/post/current-top-picks-n%C2%BA-8