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  • Carolin Kassella

C wie Chance


Der Begriff schwebt wie ein Damoklesschwert über jedem von uns, es ist der sprichwörtliche Elefant im Raum dieser Einleitung. Wir befinden uns global im schwerwiegendsten Gesundheits-Krisenstand des 21. Jahrhunderts. Tiefes Einatmen. Das große C – Corona-Krise. Schon jetzt das Unwort des Jahres und Inbegriff für eine unterschwellige Bedrücktheit, eine grassierende Angst, die uns zunehmend lähmt – zunächst begann dies vereinzelt in besonders stark betroffenen Ländern wie Italien und Spanien, nun ist ganz Europa betroffen von Grenzschließungen und national angeordneten Ausgangssperren. Angespanntes, scharfes Ausatmen.


Heute las ich die neueste Kolumne der von mir hoch geschätzten Journalistin und Moderatorin Barbara Bleisch im Schweizer Tages-Anzeiger. Sie argumentiert darin, dass die weitreichenden Einschnitte in unserem Alltag aufgrund der Ungewissheit und fehlender Routineabläufe in den nächsten Wochen und Monaten – denn, wer weiß denn schon was passieren wird – den Menschen als Gewohnheitstier vollends aus dem Gleichgewicht bringen werden. Sie kritisiert dabei unterschwellig den modernen Habitus unserer Leistungsgesellschaft, durch den wir stets einem Ziel hinterher hasten, quasi eine Karotte vor uns ahnen müssten, um motiviert und mit dem daraus resultierenden, nötigen Optimismus den Pflichten der Arbeitswelt sowie des Alltags nachzukommen.


In den letzten Zeilen lässt Bleisch die offensichtliche Lösung dieses dargestellten Dilemmas bereits anklingen, dies geht meines Erachtens aufgrund der textlichen Fokussierung auf die erzwungene Disruption der von uns geliebten Verhaltensmuster durch die Corona-Krise unter. Sie schreibt im letzten Absatz „Wir werden lernen müssen, den Wert weniger zielgerichteter Tätigkeiten neu zu schätzen: Geige spielen nicht wegen der Orchesterprobe, sondern aus Lust am Spiel. Ein Buch lesen nicht wegen der Prüfung zum Thema, sondern weil wir lesen wollen.“


Ist es nicht genau das, was neuartige Selbstoptimierungs- und Motivations-Ratgeber seit Jahren uns predigen und einzutrichtern versuchen? Ist diese Philosophie nicht die Daseinsberechtigung für sämtliche „Motivational Accounts“ auf Instagram & co.? Haben die Menschen den Wert der intrinsischen Motivation etwa immer noch nicht begriffen? Scheinbar nicht wirklich, wie in diesen Tagen anhand des weit verbreiteten jämmerlichen Tons und den oft zynischen Pointen auf Twitter und anderen Social-Media-Accounts deutlich wird. Natürlich werde ich den Ernst der Lage für die vielen Berufstätigen und Menschen mit Kindern sowie älteren Angehörigen nicht verkennen. Doch um diese Umstände soll es hier nicht gehen. Es geht um die vielen Freiheiten der Mobilität und Freizeitgestaltung, die momentan eingeschränkt werden und um die bereits nach wenigen Tagen unverhältnismäßig getrauert wird.


Die Vorhersage Bleischs empfinde ich an dieser Stelle und mit dieser postulierten Endgültigkeit wenig zielführend (Ironie lässt grüßen) und etwas Fehl am Platze. Gerade jetzt sollten die Menschen erkennen, dass in dieser Krise – so abgedroschen das klingen mag – eine wahnsinnig große Chance liegt. Wenn mir dieser Ausnahmezustand, der für mich aufgrund meines regulären Aufenthalts in Mailand, ergo im Zentrum des anfänglichen Geschehens, bereits seit mehreren Wochen besteht und mich seit Beginn nervös und angespannt zurücklässt, eines verdeutlicht hat, dann wie sehr mir meine Verhaltensmuster der Vergangenheit nun helfen, die Situation mit einer gewissen (natürlich nicht vollkommenen) emotionalen Distanz zu betrachten.


Wenn wir diese Krise als die Chance begreifen, die sie bei gleichzeitiger Bedrohung nunmal darstellt, können wir als Individuen und Gesellschaft sehr viel Kraft und Optimismus davon zehren, auch nach Tagen und Wochen. Dies beginnt mit der Tugend der Dankbarkeit, die bereits seit Jahren propagiert wird und mit der wir gerade jetzt den Grundstein für besonnenes Handeln legen können. Wie dankbar können wir sein, in warmen Wohnungen und Häusern zu leben, über die Wundererfindung des letzten Jahrhunderts uneingeschränkt und zu verschwindend geringem Preis zu verfügen – dem Internet. In diesen Tagen zeigen sich die vielen und unaufwiegbaren Vorteile der Digitalisierung; lernen wir doch endlich, sie bestmöglich und zu unserem Wohlbefinden zu nutzen. Lehrangebote sowohl für Kinder als auch Erwachsene, ein breitgefächertes Unterhaltungsangebot, das sich über sämtliche Genres und Kategorien zieht, zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar. Serienmarathons, Filme, Bücher, Magazine, Dokumentationen, Konzerte, Livestreams, Unterhaltungs-Apps für jedermann&-frau, digitale Kommunikation, durch die wir jederzeit mit unseren Liebsten oder auch geschäftlich in Kontakt mit anderen treten können.


Diese Krise schenkt uns etwas, dessen Kostbarkeit in den letzten Jahren vermehrt in den Hintergrund gerückt ist: Zeit. Und solitude, ein Begriff aus dem Englischen, der laut Wörterbuch mit Einsamkeit oder Einöde übersetzt werden kann. Ich möchte dem entgegnen. Solitude kann gleichbedeutend stehen für Rückbesinnung, für ruhiges Durchatmen, für Optimismus und Geduld, die wir jetzt mehr denn je als gelebte Tugenden benötigen. Wenn Barbara Bleisch schreibt, dass To-Do-Listen eine Makulatur seien, dann möchte ich erwidern: Lassen Sie uns den Begriff umfunktionieren. Statt „To-Do“-Liste nennen wir es „To-look-forward-to“-Liste: Freuen wir uns auf die viele Zeit zum Lesen, Lernen, Stöbern, Horizont erweitern und Nachdenken. Und wenn wir die Krise irgendwann in den nächsten Monaten überstanden haben werden, können wir mit dieser neugeschöpften Kreativität und Inspiration zu den gewöhnlichen To-Do-Listen in alter Tradition zurückkehren.



Ich wünsche allen eine friedliche und gesunde Zeit.

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