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  • Carolin Kassella

Current Top Picks – Nº 2



Deutschsprachige Empfehlungen:



Fernande Olivier: Picasso und seine Freunde; Diogenes Verlag, © 1957, 1982


Diese Buchempfehlung geht auf einen Kurztrip nach Basel zurück, durch den ich meinem Interesse für den spanischen Maler Pablo Picasso (1881-1973) und die jeweiligen Kunstepochen, die er maßgeblich prägte, nachging und so meine Begeisterung für ihn und seinen künstlerischen Werdegang fand.


Neben der Ausstellung „Kosmos Kubismus“ im Kunstmuseum Basel, die wie anhand des Titels erkennbar die Kunstrichtung Kubismus und seine wesentlichen Vertreter präsentierte, besuchte ich die groß umworbene „Picasso – blaue und rosa Periode“ Ausstellung in der Fondation Beyeler. Es war menschenüberfüllt und nichtsdestotrotz großartig, interessant sowie inspirierend. Auf dem Weg nach draußen entdeckte ich glücklicherweise das Buch „Picasso und seine Freunde“ von Fernande Olivier, Picassos langjährige Lebensgefährtin, die ebenso sein Modell und seine Muse war.


In diesem Buch schildert sie das Leben an der Seite Picassos gegen Ende seiner blauen, düsteren Periode und während der rosa Periode, in der er sich mehr Zeichnungen und Malereien mit Portraits von ihr und Zirkusartisten, Gauklern oder anderen Künstlern zuwandte. Beide waren nicht einmal 20 Jahre alt, als sie sich kennenlernten. Aufgrund der intimen Beziehung zu Picasso kann Fernande Olivier dem Leser besondere Einblicke in das damalige Leben mit dem jungen Künstler und in die aufstrebende Kunstszene in Paris um Picassos namhafte Bekannte und Freunde schenken, darunter der Maler und Mitbegründer des Kubismus Georges Braque, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire sowie der Maler und Dichter Max Jacob. Oliviers Schreibstil ist nahbar und unterhaltsam, so dass ich mich in die damaligen Verhältnisse gut einfühlen konnte und in den Seiten förmlich versank. Die folgenden Textpassagen haben bei mir einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen.


„Trotz der Fröhlichkeit, der intimen Atmosphäre, dem Schreien und Lachen, den Diskussionen, trotzdem Apollinaire dort oft seine Gedichte rezitierte und seine Artikel vorlas, trotz Maxens Phantasie und der majestätischen Figur von Gertrude Stein oder des bärtigen Van Dongen, dieser großen Hoffnung der mondänen Welt, trotz dem weisen, ehrfurchtheischenden Gehabe von Matisse, dem etwas vulgären Gelächter von Braque, der reizlosen Verrücktheit Olins, der Ideen Salmons, trotz Picassos beißendem Witz, der für einen Augenblick ein Gesicht erhellte, das sonst von den Sorgen der Malerei verdunkelt war, trotz der Jugend, die noch alle diese Menschen belebte, spürte ich doch schon ein gewisses verfrühtes Altern, ein unerbittliches Hinwelken der Freundschaft, bisweilen eine ungewohnte, rasch wieder unterdrückte Bitterkeit, einen Überdruß, jeden Tag die gleichen Menschen zu sehen, mit ihnen die gleichen Ideen wiederzukäuen, die gleichen Talente zu kritisieren, die gleichen Erfolge zu beneiden.

So hat ein verborgen wirkender Zufall freilich sehr langsam zu dem jetzigen Riß geführt, den alle diese einst so freundschaftlich verbundenen Künstler vergeblich zu verdecken suchen.“ – S. 133 - 134


Dieser Abschnitt hat mich durch seine unerschütterliche Ehrlichkeit und Oliviers sprachliche Gewandtheit tief beeindruckt, mit der sie eine äußerst komplexe Dynamik menschlicher Gemeinschaft so unverfroren und trotz der verschachtelten Satzkonstruktion mit bezaubernder Klarheit darstellt. Oliviers Beobachtung verkörpert für mich ein Phänomen und womöglich die universelle, versteckte Angst eines Jeden, die mit enger menschlicher Verbindung zusammenhängt. Es wirft die Frage auf, ob an einem gewissen Punkt einer immer wiederkehrenden sozialen Zusammenkunft mit den gleichen Gefährten und gleichen Gesinnungen eventuell eine Schädigung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der verbundenen Vertrautheit einsetzt. Wenn wir Menschen zu gut kennen, zu oft um uns haben und ihre Identität dadurch womöglich zu stark mit der unseren verschmilzt, besteht aufgrund der menschlichen Natur nicht zwangsläufig die drängende Gefahr, dass wir sogar Ablehnung und Unmutsgefühle entwickeln, wie Olivier hier andeutet? Woran merken wir, dass dieser vermeintlich unaufhaltsame Punkt näher rückt, oder können wir ihn nur retrospektiv erkennen, wenn das Unheil bereits eingetreten und die freundschaftliche Zuneigung verblichen ist? Abschließend bleibt also die unausweichliche Frage: Wieviel Nähe, Gleichhaftigkeit und Routine verträgt Freundschaft, eine Gemeinschaft oder gar eine Liebesbeziehung?


„Man tanzte, man trank, man aß, man gruppierte sich in Ecken. Bisweilen drang vom Hängebogen herunter, der in ein Zimmer verwandelt worden war, das erregte Lachen eines dorthin verirrten Paares. Es gab Photographen und Magnesium. Und der Araber amüsierte sich gegen Ende der Nacht mehr als alle andern. Es gab verschiedene Geräusche, einige Streitigkeiten zwischen Verliebten, das unterdrückte Gähnen aller Alleingänger. Es gab alles, nur nicht die Natürlichkeit.“

– S. 145


Auch hier beleuchtet die junge Olivier, wie sich hinter der vermeintlich lebhaften, freudigen und ausgelassenen Zusammenkunft des damaligen Bekanntenkreises junger Boheme, Künstler, Kunstsammler und Literaten womöglich eine deutlich nüchternere Einfältigkeit verbarg. Mit der Erzählerin kann ich mich an vielen Stellen des Buches stark identifizieren, da sie wie ich das Aufgesetzte und Oberflächliche, das wohl oft mit dem Lebensstil der Kunstschaffenden und der Welt darum zusammenhing, sehr kritisch umreißt und ablehnt. Dies wird auch anhand dieser Passage deutlich, die ebenso auf die heutige Zeit übertragbar ist und einmal mehr veranschaulicht, dass die Menschen vor über hundert Jahren wohl genau dieselben zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Probleme umtrieben wie in unserer Gegenwart.


„Um noch einmal auf die Stimmung Picassos zu kommen: sobald er in seine Heimat und besonders aufs Land zurückkehrte, durchströmte ihn dessen Ruhe und Heiterkeit. Das machte seine Werke leichter, luftiger, weniger gequält. Ich will nicht sagen, dass das Leben von Paris ihm nicht auch gedient habe; das wäre ungerecht. Aber abgesehen vom Künstler, glaube ich, daß der Mensch Picasso glücklicher gewesen wäre, wenn er ganz in Spanien gelebt hätte.

Sein Instinkt trieb ihn zu allem Gequälten.“

S. 83


Mit diesem sehr bezeichnenden Zitat über das Wesen Picassos möchte ich diese kleine Buchrezension abschließen. Es beschreibt die von Olivier getaufte "dunkle Seite" seiner Seele, durch die sie sich unter anderem seine Stimmungsschwankungen, Wutanfälle und allgemein durchdringende Sensibilität erklärt. Diese Umschreibung vermittelt zudem erneut das intime und zugleich zweigespaltene Verhältnis der beiden Liebenden zueinander. Es bleibt der Eindruck, dass die beiden turbulente, bewegte und dennoch sehr inspirierte, freudenbegleitete Jahre miteinander verbrachten und lässt vermuten, welch prägenden Einfluss Olivier mit ihrer Tiefgründigkeit auf den ebenso als nachdenklich und introvertiert beschriebenen Picasso hatte.


Brief Picassos an Fernande Olivier im Jahr 1911, © Picasso und seine Freunde, S. 143

„Picasso und seine Freunde” ist ein wunderbares Buch, das ich (nicht nur Kunstliebhabern!) wärmstens empfehle.



Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten, Luchterhand Verlag, © 2019

„Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment.“

Frankfurt, Germany | © Carolin Kassella 2019

Ferdinand von Schirach war mir als Schriftsteller vor dem Kauf dieses Buches ehrlicherweise nicht wirklich bekannt; zuvor hatte ich seinen Namen lediglich in Verbindung mit seinem Cousin, Schriftsteller Benedict Wells, gebracht. Er ist Autor bekannter Romane wie Der Fall Collini und Schuld.


Wie bereits in diversen Rezensionen und vom Autor selbst erwähnt, handelt es sich bei Kaffee und Zigaretten um sein bisher persönlichstes Buch. Gerade dieser Umstand macht es so nahbar, lebhaft, abwechslungsreich und interessant, da Ferdinand von Schirach als Autor und Jurist ein ereignisreiches, bewegtes und turbulentes bisheriges Leben verbracht hat, in dem er viele bekannte Persönlichkeiten aus Film, Medien, Politik, Wirtschaft, der kulturellen Elite sowie außergewöhnliche Menschen vor allem durch seine juristische Arbeit getroffen, kennengelernt und als Freunde gewonnen hat.


© Carolin Kassella

Sein Schreibstil ist großartig, seine Erzählungen inspirieren und regen zum Nachdenken an.


Ein absoluter Glücksgriff also. Nicht nur für den Moment.



















English Article of the Week:



WIRED Magazine, 05/07/2019: Esther Wojcicki On Teaching Kids To Be Independent Thinkers

This article is an excerpt from a recently published book called "How to Raise Successful People", written by teacher Esther Wojcicki, the mother of Youtube CEO Susan Wojcicki and two other quite well-known daughters. In this particular abstract, Wojcicki emphasizes the crucial role of creativity, curiosity and independent thinking, which according to her are all traits that are positively correlated with each other. Thus, by fostering only one of those capabilities in young children, the interdependent relationship with associated abilities will ignite a multiplier effect on the children’s way of thinking and consequently, determine the learning and personal development process in their most formative years.


She raises concerns by citing recent studies that have shown how quickly after being introduced into the schooling system children lose their creativity and innovative thinking based on a NASA recruiting test, with only 2% of participants displaying so-called "genius-level" creative thinking skills after finishing high school, down from 98% at the age of five (let that sink in for a second...).


One of her ways to improve this number and counteract to this development is regularly giving her students the assignment to free-write about any topic they can think about. She describes the initial struggle past students had at the beginning and how they quickly learned to take on the challenge, leading to increased creativity and confidence in the classroom, as she reports.


In the age of digitalization and AI, we as humans need to re-think and re-define our thinking and behavioral patterns both in educational systems, professional environments and regarding all interpersonal affairs in a global society. Judging by this excerpt, Esther Wojcicki's concepts serve as a wonderful spark for how we can adapt our educational environments accordingly, especially since she shares practical tips and helpful techniques to implement on a singular basis in everyday life.



The Abbey Bookshop in Paris, © Carolin Kassella 2018

Enjoy!


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