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  • Carolin Kassella

Current Top Picks – Nº 8


Draußen hat der Regen eingesetzt. Die ersten Regentropfen schlummern unschuldig wie gläserne Pünktchen auf dem Fenster der Dachschräge. Der Himmel ist fleckig grau mit dichten Wolken bedeckt. Es herrscht trübe Sonntagsstimmung.


Paradoxerweise könnte man momentan jeden regnerischen Tag, jede Schlechtwetterlage wahrlich als Geschenk des Himmels verstehen. Seitdem in der letzten Woche bundesweit Kontaktverbot beziehungsweise Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten sind, fühlt sich jeder sonnige Tag mit strahlend blauem Himmel wie eine zusätzliche Demütigung an – die Menschen sollen drinnen verweilen und den Alltag meistern, während draußen der Frühling erwacht und die Vögel mit Pfeifkonzerten frohlocken. Wie man den verschiedenen Social-Media-Kanälen entnehmen kann, zählen viele die Tage seit offiziellem Beginn der Maßnahmen, oder bereits seit vorherigem Einsetzen von Home-Office-Regelungen und Schul-, Kindergärten- oder Kita-Schließungen. Es scheint, als hätte das Coronavirus eine neue, ganz eigene Zeitrechnung eingeläutet, die sich von Land zu Land je nach Ausbruch des Virus und Reaktionsgeschwindigkeit des nationalen Handelns unterscheidet.


Unter die Regentropfen mischen sich nun pulverige Schneeflocken, und dem Blick aus dem Fenster nach zu urteilen, könnte es ebenso ein Tag im Januar sein. Doch der gregorianische Kalender schreibt das Datum 29. März und letzte Nacht wurden die Uhren europaweit auf Sommerzeit umgestellt. Die übliche Debatte um die Zeitumstellung – darüber, ob es überhaupt eine geben und wie einheitlich sie in Europa angesichts verschiedener Tagesverläufe je nach geografischer Lage gestaltet werden solle – wird aufgrund der Mächtigkeit um Corona-krisenrelevante Berichterstattung in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen wird der Raub der einen Stunde in diesem Jahr besonders begrüßt: „Das bedeutet eine Stunde weniger von dieser elendigen Situation“, las ich heute online.



„Physiologisch macht es keinen Unterschied, ob du etwas erlebst oder es dir vorstellst. Aus diesem Grund erzählen wir ständig Geschichten, aus diesem Grund hat jede Kultur ihre eigenen Mythen. Wir sehen Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sie verstehen.“


– Aus dem Buch Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman, © 2018 Aufbau Verlag



Tatsächlich dürften die Tage für den Großteil der Weltbevölkerung schleichend vergehen und das Trübsal, die Bedrücktheit des Gemüts zunehmend in allen Regionen der Erde die Vorherrschaft übernehmen. Mit Voranschreiten der Krise häufen sich quasi proportional zur Anzahl der Nachrichten und Push-Notifications die unterschiedlichsten Tipps, Ratschläge und sonstigen Bestandsaufnahmen von Kommentatoren der Print- und Digitalmedien – ob seriös und konventionell oder ohne Filter, meist ganz unverblümt auf Social Media. Es ist ermüdend und aufreibend zugleich, diese Fülle an Eindrücken, Meinungen (qualifiziert oder unqualifiziert, das muss erst sorgfältig gefiltert und vom Leser selbst ausgemacht werden), Einschätzungen, Gags, sarkastischen Gesellschaftskritiken, Anfeindungen, Beschuldigungen, Ermutigungen, Hoffnungspamphleten; die Liste könnte man noch ewig weiterführen. Selten war es bereits nach wenigen Minuten, die man einem Medium schenkt, mental so anstrengend, und so mancher wird sich dabei sicher immer häufiger fragen, wie dem digitalen Potpourri täglicher Trauermeldungen zu entfliehen sei.


Die klassische Lektüre ist in diesen Tagen ein besonders treuer Freund und Helfer. Wie wahrscheinlich die überwältigende Mehrheit der Menschen kann ich mich nicht immer mit der nötigen Konzentration und gebührenden Leidenschaft meiner aktuellen Buchlektüre widmen, dennoch gelingt dies mir an guten Tagen, auch wenn der Trubel der Corona-Krise oftmals zu erdrückend erscheint. Dann stürze ich mich in die Welten, die Autorinnen und Autoren der Vergangenheit und Gegenwart erschaffen haben, damit die Leser sich zumindest einige Minuten, wenn sie sich glücklich schätzen können sogar mehrere Stunden, darin verlieren können.


Momentan bestimmen hauptsächlich Werke von europäischen und U.S.- beziehungsweise Afroamerikanischen Autorinnen meine Leseliste in deutschen sowie englischen Fassungen. Chimamanda Ngozi Adichie, Maya Angelou, Annie Ernaux und Nadja Spiegelman sind die neuesten Eroberungen in meinem (meist mobilen) Bücherregal. Besonders die autobiografischen Werke Die Jahre (Ernaux), I Know Why the Caged Bird Sings (Angelou) und Was nie geschehen ist (Spiegelman) haben es mir angetan. Diese Geschichten von Leid, Unterdrückung, Krisen, ummantelt von gesellschaftlichen wie politischen Umwälzungen, eröffnen dem Leser intime, persönliche Perspektiven und die vielschichtige Aufarbeitung von Traumata – ganz gleich, ob sie für das Individuum oder das Kollektiv der Gesellschaft bestehen. Die Autorinnen zeigen darin auf, dass menschliches Leid sowie körperlicher und seelischer Schmerz unvermeidbar sind, doch die Haltung demgegenüber entscheidend sein kann, um Zukunft zu gestalten und die Hoffnung auch bei anhaltender Misslage kämpferisch, tapfer und würdevoll aufrechtzuerhalten.


In diesen Tagen wird einmal mehr deutlich: Literatur ist ein Geschenk; sie ist eine Zeitzeugin und Wegbegleiterin, durch die Generationen auf unvergleichliche Weise miteinander verbunden werden können. Wir können in ihr Zuflucht finden und Perspektive gewinnen in genau solchen Momenten der Ungewissheit und Verzweiflung.



Empfohlene Werke:

  • Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Französischen von Sonja Finck, © Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

  • Nadja Spiegelman: Was nie geschehen ist. Aus dem Amerikanischen von Sabine Kray, © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2018



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© 2019 Carolin Kassella