Suche
  • Carolin Kassella

Der deutsche Staat ist zum Kindermädchen mutiert


In den Medien ist immer wieder von Mutanten des Corona-Virus zu lesen oder hören. Die viel relevantere Frage, die ich mir seit einigen Monaten immer wieder stelle, ist jedoch: Wann ist Deutschland zu einem riesigen Kindergarten mutiert? Statt auf Eigenverantwortung zu setzen, hat die Regierung seit Monaten massive Grundrechtseinschränkungen vorgenommen – und der Großteil der Bevölkerung trägt diese Entscheidungen stillschweigend mit.


Einzelne kritische Stimmen, ob aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur oder politischer Opposition, werden meist diffamiert und mit unlauteren Mitteln schnell „gecancelt“, also an den Rand gedrängt, zum Schweigen oder Einlenken bewegt. Dass dabei wichtige Sachargumente direkt mitdiffamiert werden, daran stört sich der Großteil des gemeinen Volks wenig, zumindest nicht hörbar und öffentlich.


Dafür wird die propagandistisch mit allen Mitteln der Kunst aufbereitete Impfkampagne der Bundesregierung brav mitgetragen. Stolz werden geimpfte Arme entblößt und auf Social-Media-Plattformen zur Schau gestellt. Dass gewisse Kontrollorgane für die Zulassung im Schnelldurchlauf mal ein Auge zugedrückt haben dürften, kümmert den deutschen Michel scheinbar genauso wenig wie die monatelange Grundrechtseinschränkung auf Grundlage des in der Wissenschaft durchaus umstrittenen PCR-Tests und willkürlich gesetzter Inzidenzschwellen. Der oder die Deutsche als naives Kind benötigt scheinbar die starke Mutti, die ihn oder sie an die Hand nimmt und einen Beruhigungspieks verpasst. "My body, my choice" gilt im Fall von Alkoholismus, Rauchern oder Abtreibungsbefürwortern – doch bei der neuartigen Corona-Impfung müssen alle die Hüllen fallen lassen, sofern sie nicht in moralische Ungnade fallen wollen. Selbst 12-Jährige, für die es durch die Impfzulassung nun "Hoffnung" gebe, wie die Medien munter proklamieren.


Wenn ich dieser Tage lese, wie Anfang-20-Jährige – ohne schwere Vorerkrankungen, also keine Risikopatienten – ihre „Erleichterung“ und „Dankbarkeit“ nach Erstimpfung twittern oder anderswo mitteilen, schaudert es mich. Wo bleibt das Vertrauen in das eigene Immunsystem und eine gesunde Lebensweise? Diese Komponenten sollten nämlich allerlei Krankheiten vorbeugen und nach Jahrhunderten der Evolution herkömmliche Viren abwehren.


Nach Berechnungen von John Ioannidis, Professor für Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit an der Stanford Universität, liegt die Mortalitätsrate (engl. Infection Fatality Rate; IFR) von mit Corona infizierten Personen in der Altersgruppe der Unter-70-Jährigen im Bereich zwischen 0,00% und 0,57%, mit einem Median von 0,05% über verschiedene Regionen verteilt (Quelle: Ioannidis, J.P.A.: „The infection fatality rate of COVID-19 inferred from seroprevalence data“, Juli 2020. Eine aktuellere Auswertung von Ioannidis mit weiteren Datensätzen ist ebenfalls öffentlich verfügbar. Er kommt darin zu dem Schluss, dass die globale Mortalitätsrate geringer ist als auf Basis früherer Daten angenommen).


Auch die Infektiösität von symptomlosen Corona-Infizierten ist weiterhin wissenschaftlich umstritten. Um auf Nummer sicher zu gehen, werden aktuell jedoch ohnehin kostenlose Corona-Tests vom Staat auf Pump finanziert. Vielleicht hilft auch, zwei FFP2-Masken übereinander anzuziehen. Es lebe der wissenschaftliche Diskurs, sofern er in Deutschland nicht schon im Jahr 2020 gestorben ist.


Wenn Vergleiche mit anderen Ländern gezogen werden, ignorieren viele Medien wissenschaftliche Erkenntnisse, die gegen die Wirksamkeit von Lockdowns sprechen, gekonnt. Der hörige Bürger nimmt die durch Mainstreammedien gefilterten Informationen in vielen Belangen unreflektiert auf, sonst hätten Empörungswellen und Demonstrationsteilnahmen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen im vergangenen Jahr deutlich mehr Schlagkraft gehabt. Allein was medial aufgepeppte Gesundheitshelden wie Lauterbach und Drosten sagen, hat Bestand. Und die Regierung nimmt in der Bundespressekonferenz zu „einzelnen Studien“, die zum Beispiel länderspezifische Maßnahmen und deren (mutmaßliche) Wirkung über einen Zeitraum hinweg miteinander vergleichen, ohnehin keine Stellung, wie Journalisten auf wiederholte Nachfragen hin immer wieder feststellen mussten.


Besonders alarmierend an der ganzen Chose: Der Corona-Lockdown könnte als Blaupause verstanden werden, und als Zäsur für den Systemwechsel dienen. Statt auf gesunden Menschenverstand und freiheitliche Vernunft zu setzen, laufen wir Bürger Gefahr, in immer mehr Bereichen mit Verboten gemaßregelt zu werden: Corona, Klimapolitik, Wohneigentum. Wo zieht der Staat die Grenze? Werden wir unsere Freiheitsrechte – mehr noch, unsere Grundrechte – künftig immer öfter verhandeln und rechtfertigen müssen?


Das Grundgesetz hat da eigentlich noch ein Wörtchen mitzureden. Doch wenn die deutsche Bevölkerung weiterhin nach dem Kindermädchen lechzt und um Bestrafung auf der stillen Treppe förmlich bettelt, wird der Leviathan wohl auf kurz oder lang Überhand gewinnen – zum Übel des freiheitlichen Rechtsstaats und hin zu einer Gesundheits- oder Klimaautokratie. Keine schönen Aussichten.

The Destruction of Leviathan - Picture from The Holy Scriptures, Old and New Testaments books collection published in 1885, Stuttgart-Germany. Drawings by Gustave Dore.