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  • Carolin Kassella

Der Entrepreneurship-Ansatz als optimale Krisenbewältigungsstrategie?


Die Diskussion um die Corona-Krisenbewältigungsstrategie der Bundesregierung, die zu einem erheblichen Anteil aus den Empfehlungen der medizinischen Wissenschaft resultiert, sowie die „Öffnungsdiskussionsorgien“ für die graduelle Rückführung der Bevölkerung und der Wirtschaft zur Normalität halten an. Hierbei ist die Bundesregierung bisher weitestgehend dem Vorsichtsprinzip gefolgt, das auch für den Kaufmann seit jeher eines der Grundmaxime für ein nachhaltiges und ehrbahres Geschäftsleben darstellt. Sollten wir uns bei der Bewältigung humanitärer, gesundheitlicher, politischer und umweltbezogener Krisen generell mehr am Unternehmertum orientieren?



Unternehmertum, engl. Entrepreneurship – ein Begriff, der sich mittlerweile auch im deutschen Sprachgebrauch etabliert und in die Lehrpläne von wirtschaftsbezogenen Studiengängen an Universitäten und Hochschulen auf der ganzen Welt Einzug erhalten hat – weckt bei vielen womöglich zunächst Assoziationen mit den großen Legenden dieses Gebiets, etwa den Jeff Bezoses oder Elon Musks dieser Welt.


Das Unternehmertum, insbesondere in seinen Anfängen, dem Gründen eines Unternehmens, zeichnet sich vor allem durch einen mühsamen, oftmals sogar qualvollen Prozess des „Trial and Error“s aus. Im Fachjargon hat sich in den letzten Jahren dazu vornehmlich der Begriff der sog. Lean-Startup-Methode etabliert. Diese beschreibt eine Unternehmensgründung oder auch einen Produkt-Launch, bei dem mit möglichst wenig Kapital ein erfolgreiches Unternehmen gegründet werden kann. Der Fokus liegt hierbei nicht auf einer langen Vorab-Planung, sondern vielmehr auf dem Learning-by-doing durch das frühzeitige „An den Markt bringen“ des Produktes bzw. der Dienstleistung.[1]


Diese Herangehensweise könnte auch als Inspiration für die weitere Bewältigung der Corona-Krise dienen. In der aktuellen Situation handelt es sich um eine Gesundheitskatastrophe globalen Ausmaßes, und es soll hierbei keineswegs die Gesundheit der Menschen gegen kapitalistische Modelle ausgespielt oder diese gegeneinander abgewogen werden. Allerdings ist in Anbetracht der anhaltenden hohen Unsicherheit, auch und insbesondere im wissenschaftlichen Bereich, durchaus die Frage nach der richtigen Vorgehensweise unter erhöhtem Risiko und der nötigen Abwägung vieler Interessen mit Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung, in einem Facettenreichtum wie es bisher selten der Fall war, berechtigt. Öffentliche Stimmen, die der bisherigen Strategie der Bundesregierung durchaus kritisch gegenüberstehen, wie etwa jüngst Wolfgang Schäuble, argumentierten, dass das Gebot des Lebensschutzes „über allem“ nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern ebenso moralisch keine eindeutige Norm darstellen kann. Ebenso erinnert die Diskussion um die Abwägung von Corona-Toten gegen auf andere Weise zu Tode kommende Gruppen, bspw. durch Armut, psychische Belastungen, Verkehrstote, u.v.m., an das Dilemma von den Anschlägen des 11. Septembers, bei der rund hundert Passagiere eines gekaperten Flugzeugs nicht gegen die tausenden Toten infolge des World Trade Center Einbruchs abgewogen werden können, und ein Niederschießen des Flugzeugs daher als moralisch nicht vertretbar erklärt wurde.


Dennoch muss in der Corona-Krise, wie in jeder demokratischen Debatte, Platz sein für Kompromisse und Mittelwege, da eine moderne Volkswirtschaft, die monatelang künstlich im Koma gehalten wird, nicht nur in eine Rezession schlittert, sondern dies darüber hinaus mit immensem und stabilitätsgefährdendem Wohlstandsverlust einherginge. Für eine dynamische „Trial and Error“ Strategie im Zuge der Lockerungen und Hochfahren der Wirtschaft bedarf es einer risikofreudigeren Bevölkerung, die ebenso demütig der Tatsache entgegensieht, dass unter hoher (wissenschaftlicher) Unsicherheit aufgrund fehlender Daten und der Novität der Situation auch Experten anderer Fachgebiete mit einbezogen werden müssen, die der Vorsichtsstrategie der deutschen Regierung in der bisherigen Form kritisch begegnen. An den Beispielen Österreichs, Schwedens und weiterer Länder zeigt sich, dass die Corona-Pandemie auch mit etwas „forscherem“ Vorgehen einzudämmen ist – ob dies hauptsächlich an unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen und Ausbruchsherden liegt, ist bisher nicht eindeutig erwiesen. Zwischen Leichtsinn und Paralyse durch Angstkultur muss in der aktuellen Krise unbedingt differenziert werden.


Die enorme Risikoaversität der Deutschen im internationalen Vergleich zeigt sich vor allem in der Aktionärsquote. Die deutschen Anleger haben auch nach Jahren des Niedrigzinsumfelds nicht wesentlich auf andere Anlageklassen umgeschichtet, fürchten das Halten von Aktien nahezu wie einen Virus oder eine Epidemie. Ob bspw. Staatsanleihen europäischer Länder indes eine sichere Anlageform sind, sei einmal dahingestellt. In Deutschland besitzen lediglich ca. 15% der über 14-Jährigen Aktien oder Aktienfonds.[2] Zum Vergleich: In den Niederlanden, Japan und den USA lag diese Quote in den vergangenen Jahren deutlich höher. Laut dem Deutschen Aktieninstitut sei das Interesse der Deutschen an Aktien in 2019 wieder leicht gesunken – und das noch vor der Corona-Krise und den resultierenden hohen Kursverlusten im Februar und März dieses Jahres.

Auf dieser Erde zu leben, jeden Morgen aufzuwachen, bedeutet Risiko und Unsicherheit; dem ist nicht zu entkommen. Während viele das Sentiment vertreten, dass die Welt nicht nur dynamischer und technologiegesteuerter, sondern damit einhergehend auch unsicherer, gefährlicher und ungleicher geworden sei, belegen breite Datensätze von Langzeitstudien das Gegenteil. Laut der Datenvisualisierungsplattform Our World in Data ist beispielsweise der Anteil der Bevölkerung, die in akuter Armut lebt, von 37% in 1990 auf ca. 10% in 2015 gesunken (basierend auf Daten der Weltbank).[3] Ebenso ist weltweit ein Rückgang der durchschnittlichen Kriminalitätsraten in den vergangenen Jahren zu verzeichnen.[4]


Dass in Deutschland aufgrund der risikovermeidenden und immer noch sehr konservativen Eigenschaften der Hang zum Unternehmertum hinter den führenden Technologienationen zurückbleibt, prangern führende Wirtschaftsbosse, Lobbyisten und Politiker liberaler Gesinnung seit Jahren als einen der Hauptgründe für die Rückständigkeit im Technologie- und Informationssektor an. Während sich die USA und China in den vergangenen Jahrzehnten technologisch einen Aufrüstungswettkampf lieferten, schaute die EU mit Deutschland als Zugtier nur mit großen Ambitionen und von Fantasien geblendet zu, und war eher damit befasst, den riesigen Bürokratie- und Verwaltungsapparat der Europäischen Union auf Vordermann zu bringen.


Der überfällige Paradigmenwechsel der Deutschen in Identität, Grundwerten und Leitsätzen für die Wirtschaft und in Geldangelegenheiten kann nur durch disruptive Veränderungen und mit Nachdruck verfolgte Transformationsprozesse eintreten. Mit dem nahezu meteoritenähnlichen Einschlag der Corona-Pandemie sind nun die Weichen für bahnbrechende Veränderungen gestellt, es bedarf jedoch dem „Entrepreneurial Spirit“, der insbesondere in Macher-Mentalität und gesunder Risikofreude begründet ist, um wirtschaftlich wie humanistisch in einer digitalisierten Welt souverän zu bestehen, und eventuell sogar eine Führungsrolle einnehmen zu können inmitten der Trumps und Jinpings dieser Erde. Es bleibt spannend – hoffentlich.

Quellen:

[1] https://www.gruenderszene.de/lexikon/begriffe/lean-startup [2] https://www.dai.de/de/das-bieten-wir/studien-und-statistiken/statistiken.html?d=686 [3] https://ourworldindata.org/extreme-poverty [4] https://dataunodc.un.org/content/data/homicide/homicide-rate

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