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  • Carolin Kassella

Entschleunigung


Ob ich an einem Ort innerhalb eines so kurzen Zeitraums jemals so viel Wintersonne genossen habe? Es ist bereits der siebte Tag meines Aufenthalts in den Weiten der Schweizer Berge und besonders an den ersten Tagen wurde ich mit reichlich Sonnenschein und milden Temperaturen im späten Januar beschenkt. Die letzten zwei Tage war es eher neblig, grau, bedeckt und regnerisch, doch dafür ist die strahlende Sonne am heutigen Tag umso glanzvoller zurückgekehrt.


Ich sitze erneut auf meinem Balkon und lasse die warmen Sonnenstrahlen auf meiner blassen Winterhaut wirken. Heute gegen Mittag war ich bereits in den Weinbergen spazieren, an die das Hotel, das ich bewohne, angrenzt. Es geht für einige Meter steil den Abhang hinauf, der mit Kopfsteinpflaster bedeckt ist, ehe die Natur die Vormacht übernimmt und die kieseligen Wege in einen kleinen Waldabschnitt übergehen. Die kahlen, braun-grauen Weinberge dominieren die Sicht. Von dort oben genoss ich die Aussicht über die kleinen angrenzenden Ortschaften, ein nahegelegenes Industriegebiet, die Rhône-Autobahn, deren Verkehrslärm bis dort hoch in die Berge dringt, sowie die wunderschöne Sicht auf die schneebedeckten Bergspitzen der Alpen. Der Blick vom kleinen Waldpfad hinunter ins Tal ist nichts für schwache Nerven. Vereinzelt arbeiten Weinbauern in den Hügeln und bereiten die nächste Anbauphase vor. Aufgrund der Trockenheit und sonnigen Lage eignet sich dieses Klima ausgezeichnet für den hiesigen Weinanbau.


Als ich grübelnd und unbeschwert zugleich auf den Boden sehe, entdecke ich einen Stein in Herzform. Ich zücke reflexartig meine Fotokamera, um die nächste Fotoreihe zu beginnen, und muss dabei schmunzeln. Wenn ich nun darüber nachdenke, ist es doch sehr erstaunlich, wie der Akt der Fotografie den Blick auf die Dinge verändert. Je mehr das Auge und der gesamte Sinnesapparat darauf geschult sind, besondere Momente zu entdecken und einzufangen, desto häufiger entdecke ich besondere Szenen, Atmosphären und Stimmungen, oder kleine Besonderheiten, die in der Hektik des Alltags sonst oft untergehen. In diesem Sinne wird mir bewusst, wie sehr die Fotokamera, doch ebenso der gesamte Prozess der Fotografie – vom sorgfältigen Auswählen des Moments bis hin zum Entwickeln des Fotos in die analoge Form oder die Produktion eines Fotobuchs – meinen Blick für die magischen Momente unserer Erde geöffnet und geschärft hat.


Eine große Rolle spielen meines Erachtens dabei auch die motorischen Aktivitäten, die damit verbunden sind – hinausgehen in die Welt, in die Natur oder das Stadtleben, an historische oder ungewöhnliche Orte (wie beispielsweise ich in verlassene Weinberge im Winter). Und es umfasst das manuelle Bedienen der Spiegelreflexkamera, die schwer in den Händen liegt und für jeden Schuss erneut adjustiert, sowie je nach Motiv anders eingestellt werden muss, bis hin zur Entwicklung der Bilder, die als analoge Kopien, gesammelt in einem Fotobuch oder gar als Ausstellung im Raum eine Wirkung entfalten, die in digitaler Form auf dem Smartphone Display oder Computerbildschirm oftmals ausbleibt und die Magie der Kunst verblassen lässt.


Insbesondere inmitten der Berge ist die Luft hier sehr klar und frisch, ganz im Gegensatz zur Stadtluft in Mailand, beispielsweise. Eine wunderbare und überaus angenehme, ja sogar überfällige Gelegenheit, um durchzuatmen. Durchatmen im wortwörtlichen sowie im übertragenen Sinne fällt mir hier besonders leicht. Ende 2019 und bis ins neue Jahr 2020 hinein war ich körperlich wie mental so angeschlagen und ausgelaugt wie nur selten in meinem Leben zuvor. Mir ist erstmals wirklich und mit der nötigen Ernsthaftigkeit bewusst geworden, dass eine konstant hohe Stressbelastung dem Körper und Geist nachhaltig schadet. Daher folge ich in meiner Neujahrsresolution für dieses noch recht junge Jahr dem Mantra „mach langsam“. Die Social Media Accounts, und insbesondere die wirklich wichtigen Dinge und Personen im Leben laufen nämlich so schnell nicht davon.


In dieser schnelllebigen, digital vernetzten Welt bis in die kleinsten Winkel der Erde hinein fällt mir immer häufiger auf, wie schwer es vielen fällt, sich dieser Geschwindigkeit, dieser Öffentlichkeit und insbesondere dem damit einhergehenden Druck, ständig präsent, ansprech- und wandelbar sein zu müssen, dauerhaft und wirkungsvoll zu entziehen. Gewiss, viele dieser Menschen verspüren den Druck nicht als solchen, oder erachten ihn vordergründig als positiv, motivierend, innovationsfördernd. Befeuert wird diese Dynamik sicherlich auch durch die neuartige sog. Flex Culture, bei der zunehmend die herkömmlichen Statussymbole wie Autos oder Häuser durch den perfiden Wettbewerb in Erfahrungen, engl. "experiences", insbesondere die klassischen Meilensteine (Verlobung, Hochzeit, Kinder), Reisen oder sonstige außergewöhnliche Events, ersetzt und auf den Social Media Kanälen imposant zur Schau gestellt werden.


Andere kündigen umso lautstarker und vom moralischen Appell untermalt immer wieder einen zeitweisen Rückzug an, den „digital detox“, oder wie man es sonst nennen mag. Doch ebenso wie das Detoxen in der Ernährungskunde bis heute stark umstritten ist, so kann ein temporärer Vollentzug von den sozialen Medien höchstens als Pflaster dienen für ein tiefer liegendes Problem.


Die Digitalisierung des privaten wie beruflichen Lebens ist in ihren Ausprägungen, Folgewirkungen, Risiken sowie Potenzialen so vielschichtig, dass der gesunde Umgang in dieser neuen Gesellschaftsordnung, die Politik, Wirtschaft, Kultur oder auch Soziales revolutioniert und täglich auf den Prüfstand ruft, in einem mühevollen Prozess erlernt werden muss. Dabei greifen trendige E-Book-Guides, Tipps und Tricks in Listenformat (eine wie ich finde recht traurige neue Literaturgattung des Onlinepublizismus), oder sonstige schnellschussartige Ratgeber zu kurz. Am Ende möchte irgendwer einem doch wieder irgendetwas verkaufen – seien es Achtsamkeits- und Meditationsapps, Onlinecoachings – die Produktpalette scheint unendlich, und sie wächst stetig.


Das alles sind Indikatoren eines gut funktionierenden kapitalistischen, konsumentenorientierten Systems, dem ich seine Berechtigung und gar die Notwendigkeit für uns als Informationsgesellschaft keineswegs absprechen möchte. Diese Ansätze verfehlen allerdings die viel grundlegenderen Thematiken. Der richtige Umgang mit digitalen Medien beginnt im Kleinkindalter. Dazu sollten neueste Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung herangezogen werden.


Der gesunde Umgang ist wie die Persönlichkeitsentwicklung vom Kind zum Erwachsenen oder beispielsweise eine Berufsausbildung ein langwieriger Lernprozess; ein ewiger Balanceakt zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, Alltagsflucht und gesellschaftskritischen Debatten, Meinungsfreiheit und Taktgefühl, oder meist sogar zwischen Sucht und harmlosem Zeitvertreib. Wie wir diesen Lernprozess gesellschaftlich, politisch und auch individuell zukünftig gestalten, wird eine wegweisende Entwicklung in Kommunikation, Kultur und gesellschaftlichem Leben darstellen. Vielleicht hilft als ein Anfang ja des Öfteren einmal die simple Frage: „Brauche ich das Smartphone gerade wirklich?”


[Ich fotografiere momentan mit der Spiegelreflexkamera (DSLR) Canon 2000D 18-55mm – ein ideales Einsteiger-Modell für Anfänger und Hobbyfotografen]



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