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  • Carolin Kassella

food for thought – pt. II


Am Donnerstag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der renommierten Harvard University erhalten. Mit Spannung fieberte ich vorab ihrer angekündigten "Commencement Speech" entgegen – und wurde nicht enttäuscht. Sie hielt ihre Rede mit Ausnahme der Einleitung und Abschlussworte in deutscher Sprache.


Dabei hat mich ihre Themenauswahl und persönliche Note besonders positiv überrascht. Die folgende Passage hat mich zudem aufgrund der aktuellen Relevanz in meinem eigenen Leben sehr berührt und wird mich sicherlich noch einige Zeit präsent im Gedächtnis begleiten.


„Es gibt keinen Anfang ohne ein Ende, keinen Tag ohne die Nacht, kein Leben ohne den Tod. Unser ganzes Leben besteht aus der Differenz, aus dem Unterschied zwischen dem Beginnen und dem Beenden. Das, was dazwischenliegt, nennen wir Leben und Erfahrung.“



Und schließlich, ihre Abschlussworte:



"Keep asking yourselves: Am I doing something because it is right or simply because it is possible? Don’t forget that freedom is never something that can be taken for granted. Surprise yourselves with what is possible. Remember that openness always involves risks. Letting go of the old is part of a new beginning. And above all: Nothing can be taken for granted, everything is possible."


Bundeskanzlerin Angela Merkel, Harvard Commencement Speech, 30. Mai 2019

Quelle: Bundeskanzlerin.de



Für mich enthalten diese beiden Zitate zwei Aspekte. Zum einen trifft sie einen wunden Punkt bei mir und, so erlaube ich mir anzunehmen, bei den meisten Menschen, die sich in Gewohnheit wiegen und den Alltag routiniert bestreiten, insgeheim jedoch nach etwas anderem streben und große Träume – meist als Überreste der Kindheit und Jugend – im Stillen mit sich tragen. Ihre Aussage ermutigt mich, an der aktuellen Weggabelung, an der ich mich befinde, innezuhalten und mir der Tragweite meiner Entscheidungen bewusst zu werden, und schließlich zu begreifen: In manchen Situationen bringt uns einzig die Veränderung voran; ganz gleich, wie beängstigend und tiefgreifend sie uns erscheint. Nichts im Leben ist hundertprozentig kalkulier- oder vorhersehbar und eine Entscheidung nicht zu treffen ist letzten Endes eben auch eine Entscheidung – nämlich dazu, seine Verantwortung und Macht zur Gestaltung des eigenen Lebens abzugeben und sich fremdbestimmt von den Meinungen und Wertvorstellungen anderer treiben zu lassen.


Gleichzeitig erinnert sie uns mit ihrem Schlusswort eindringlich an die Verantwortung, die wir alle als Bürger der modernen Demokratie tragen. Im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten genießen wir viele Freiheiten und Optionen, zwischen denen wir auswählen können – ein Luxus, der schnell zur Selbstverständlichkeit wird. Doch genau darin liegt die Gefahr, sich von falschen Werten und Idealen leiten zu lassen, so dass elementare Tugenden wie Bescheidenheit, Dankbarkeit, Mitgefühl, Rücksichtnahme, Geduld und Großzügigkeit in den Hintergrund rücken und als gesellschaftliches Maxim von anderen Leitideen und -motiven ersetzt werden.


Mein Fazit daraus: Für uns als Gesellschaft, wie auch für mich persönlich, kann es nur vorwärts gehen, wenn wir Risiken eingehen, unsere Grundwerte und wie sie tatsächlich gelebt werden immer wieder überprüfen und wir uns die Tragweite unserer Entscheidungen und unsere Gestaltungsfreiheit, die wir auch auf kleinster, individueller Ebene besitzen, immer wieder bewusst machen.



Frankfurt am Main im Mai 2019 | © C. K.


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