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  • Carolin Kassella

food for thought – pt. IV

🇩🇪written in German



Wenn Literatur ins Mark trifft


Soeben habe ich die Lektüre des Buches »Die sieben guten Jahre« von Etgar Keret, einem großartigen israelischen Schriftsteller, beendet. Das Buch war eine wohltuende Ablenkung in den noch immer unsteten, beängstigenden Zeiten, die wir momentan erleben.


Dieses autobiografische Werk beschreibt, wie der Titel andeutet, das Leben Kerets über einen Zeitraum von sieben Jahren, beginnend mit der Geburt seines Sohnes bis zum Tod seines Vaters. Der Schreibstil ist durchtränkt von Etgar Kerets Witz und Selbstironie – eine erfrischende Stimme und unbedingt nötig vor der dunklen Kulisse der Kriege und Unruhen im Nahen Osten, um dem Leser die bittersüßen Momente und den Zauber des Lebens, der auch in dieser Region der Erde herrscht, zu vermitteln. Es gab einige Passagen, nach denen ich pausieren musste, um zu reflektieren und da mir – etwas klischeehaft – das Wasser in den Augen stand. Viele seiner Anekdoten transportiert der Autor mit einer sanften Schwermütigkeit, die zugleich von einer hoffnungsvollen und lebensbejahenden Grundhaltung getragen wird, und löste somit eine Gefühlsachterbahn aus, die mich sicher noch einige Zeit beschäftigen wird.


Eine Passage über das Schriftstellerdasein hat mich sehr beeindruckt, da Keret den besonderen Geist der Berufung und den Berufsethos des Schriftstellers auf präzise, philosophische Weise einfängt:


»Der Schriftsteller ist weder Heiliger, noch ein Zadik, noch ein Prophet, der am Tor steht, er ist bloß ein Sünder mehr, der eine etwas schärfere Auffassungsgabe hat und eine etwas präzisere Sprache benützt, um die unbegreifliche Wirklichkeit unserer Welt zu beschreiben. Er erfindet kein Gefühl und keinen Gedanken – sie alle hat es lange vor ihm gegeben. Er ist nicht im mindesten besser als seine Leser, oft ist er viel schlimmer, und so soll es sein. Wenn der Schriftsteller ein Engel wäre, wäre der Abgrund zwischen ihm und uns so groß, dass sein Schreiben uns nicht mehr nahe genug käme, um uns zu berühren. [...] Er wird uns nicht ins Gelobte Land führen, er bringt keinen Frieden in die Welt, und er heilt nicht die Kranken. Aber wenn er seine Arbeit richtig macht, werden ein paar virtuelle Frösche mehr am Leben bleiben. Die Käfer, ich sage es nicht gern, werden sehen müssen, wo sie bleiben.«


Auszug aus: Etgar Keret: Die sieben guten Jahre*. Seite 141f Aus dem Englischen von Daniel Kehlmann © 2016 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main



Um herauszufinden, was es mit den Fröschen und Käfern auf sich hat, lohnt sich die Lektüre des Buches in ihrer Gesamtheit – ich wünsche viel Vergnügen!


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© 2019 Carolin Kassella