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  • Carolin Kassella

Skurrile Normalität


Es ist soweit – meine erste Reise post-Corona-Lockdown steht an und ich mache mich per Flug auf den Weg von Frankfurt nach Mailand. Bereits am Flughafen in Frankfurt sind die Spuren der Pandemie nicht zu übersehen. In der großen Empfangshalle bei den Check-in-Schaltern ist es noch immer leer und nur vereinzelt sieht man Geschäftsreisende, Kleinfamilien oder sonstige Urlauber hektisch durch die Gänge rauschen. An vielen Ecken wird akribisch auf Mindestabstand und Maskenpflicht hingewiesen, zudem sind an den Gates einige der Sitze abgesperrt, um genug Freiraum zwischen den Wartenden zu ermöglichen.


Es schwebt eine verhaltene Beklemmung in der Luft, als wäre da ein großer Elefant im Raum, der um jeden Preis ignoriert werden soll und somit der Eindruck einer prä-Corona-artigen Unbeschwertheit erweckt wird. Auf den Bildschirmen am Gate sieht man den Kanal Deutsche Welle die Nachricht verlauten, die richtungsweisende R-Zahl sei wieder „sprunghaft angestiegen“. Ich widme mich meiner Zeitungslektüre, bevor in wenigen Minuten das Boarding beginnt.



In Mailand angekommen, werden mir die Hinterlassenschaften der Corona-Pandemie zunächst etwas deutlicher. Am Flughafen haben viele Geschäfte geschlossen und auch hier sind die großen Hallen und Gänge von Unterbevölkerung gezeichnet. Im Express in Richtung Mailand Stadt sind nicht wesentlich mehr Menschen anzutreffen. Auch hier wird mit dem Hinweis auf Schutz seiner selbst und der Anderen auf nicht belegbare Plätze und genügend Abstand gepocht. Maskenpflicht gilt in der Lombardei überall im öffentlichen Raum. In Cadorna, der Endstation, wechsele ich schließlich in die Metro und die Grenzen des „Social Distancing“-Konzepts in der Großstadt offenbaren sich. Zwar sollen je zwei Sitze zwischen den Fahrgästen freigelassen werden, dafür drängen sich die heran eilenden Menschen umso mehr in den Türbereichen.


»Social Distancing«-Hinweise im Zug vom Flughafen in die Stadt

In der Stadt selbst, entlang der Geschäfte und Cafés, ist allerdings außer der Maskenpflicht, der die überwiegende Mehrheit auch außerhalb geschlossener Räume treu bleibt – brütender Hitze zum Trotz –, nichts mehr von der einstigen Corona-Apokalypse zu spüren. Einige Läden und Restaurants sind noch geschlossen, es herrscht jedoch reger Verkehr und die Einkaufsstraßen sind belebt wie es in jedem anderen Sommer der Fall ist. Auch die Gemüter scheinen keineswegs vom schweren Corona-Virus-Ausbruch noch vor wenigen Monaten betrübt oder gar besorgt zu sein.


Die Stimmung im Café, in dem ich zu Mittag esse, ist ausgelassen und freudig. Gäste strömen fröhlich hinein und die Schutzmaßnahmen tun der allgemeinen Unbeschwertheit keinen Abbruch. Hier wird mir erneut klar, dass die Italiener kein Volk sind, das man lange einsperren kann. Das soziale Leben spielt sich kulturell bedingt zu einem erheblichen Anteil öffentlich ab – zumindest in der norditalienischen Wirtschafts- und Kulturmetropole. Diesen Umstand kann auch ein zwei Monate anhaltender strenger Lockdown nicht schlagartig ändern.


Mittlerweile ist in Mailand der Hochsommer eingekehrt. Die drückende Hitze liegt schon ab dem frühen Mittag wie ein Topfdeckel auf der Stadt und die Sonne scheint prall hinab. Doch eine sommerliche Trägheit tritt dadurch nicht ein, sondern die Sonnenanbeter (oder pflichtbewussten Arbeiterinnen und Arbeiter) tummeln sich den gesamten Tag über auf den Straßen, in den Parks oder in Cafés. Von den Spielplätzen ist buntes Kindergeschrei vernehmbar. Eindeutige Sommerferien-Stimmung. Die hiesige Atmosphäre macht deutlich, dass auch diese Pandemie nicht ewig andauert, dass sie soziale Wesen und das öffentliche Leben nicht nachhaltig in die Knie zwingen kann. Sie hat die Menschen vielerorts womöglich als noch widerstandsfähiger geprägt und einige Lektionen hinterlassen.


Verbliebene Angst oder nachhaltige Bedrücktheit, die ich anfangs erwartete, sucht man hier jedenfalls vergeblich – es macht Hoffnung und weckt Vorfreude auf den Sommer. Unter diese Indikatoren einer vollkommenen Rückkehr zur Normalität mischt sich einzig sichtbar die Atemmasken-Schau. Es erweckt den Eindruck, dass die Schutzmasken als eine Art Superkraft dienen sollen, wie das Schutzschild oder übernatürliche Kräfte eines Superhelden, sie dadurch die Corona-Viren vollkommen besiegen und das normale Leben, wie man es kannte, somit wieder ermöglichen.


Vielleicht benötigen wir bei allem Verstand und rationaler Abwägung eben doch ein Fünkchen Idealismus, eine Prise Naivität und ein Quäntchen Ignoranz, um die kleinen und großen Krisen des Lebens zu meistern. Und womöglich ist das eine der wichtigsten Lektionen, die wir von Covid-19 und dem Umgang der norditalienischen Landsleute mit der Epidemie lernen können.


Ungewöhnlich leer: Mailänder Straßenbahn


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© 2019 Carolin Kassella