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  • Carolin Kassella

Travel Diaries Vol. 1: Mailand & Genua


written in German 🇩🇪


I. Akt: Eine erneute Reise nach Mailand


Von Beginn an, bereits während meines ersten Kurztrips nach Mailand, fiel es mir sehr leicht, mich zurecht zu finden und auf den Flair der Stadt einzustimmen. Nach wiederholten Kurzreisen dorthin, die ich vor allem unternahm, um mich an meine neue Wahlheimat zu gewöhnen, erlaube ich mir, bereits ein Zwischenresümee über diese faszinierende Stadt zu formulieren.


An Mailand schätze ich besonders den unprätentiösen und authentischen Charakter, der für manchen Touristen etwas überraschend erscheinend mag, sowie die erheiternde Mischung aus altitalienischer Kultur und innovativem, kreativem Geist, der den dortigen Bewohnern innewohnt und unsichtbar die Straßen umhüllt. Überall in der Stadt, ob im Nordwesten, im Osten oder weiter südlich des Zentrums, entdeckte ich kleine Europafahnen aus Stoff von den Fenstern hängen. Ein eindrückliches Zeichen in Zeiten, in denen populistische Parteien aufstreben und eine breite Masse der Bevölkerung zunehmend ein höchst nationalistisches, antieuropäisches Sentiment vertritt.


In weiten Teilen der Stadt lassen sich neueste Trends entdecken und ich konnte förmlich spüren, wie der Puls der Zeit die Stadt nur so mitzureißen scheint, und sie manchmal sogar einen Schritt voraus schreitet als eine der Metropolen des modernen Europa. Dabei präsentiert sich Mailand äußerst facettenreich, stilvoll und dennoch bodenständig zugleich. Ich besuchte bereits einige Ecken und Stadtteile, die meist wenig touristisch geprägt waren, um die Authentizität und Milanesische Lebensart voll ausschöpfen und einfangen zu können.



Es gibt viele Angelegenheiten, in denen Italiener brillieren; dazu zählt insbesondere feinste Kochkunst und kulinarische Genüsse, Gelato, Kaffeespezialitäten und das leidenschaftliche Auskosten des „Dolce Vita“ – des süßen Lebens. Entspannen zu hervorragendem Essen und einer Tasse höchst sorgsam gebrautem, vollmundigem Kaffee im Anschluss; die Sonne genießen und mit unvergleichlichem Gusto sehr angeregte Gespräche führen, die durch leidenschaftliches Gestikulieren sympathisch untermalt werden. All das formt die unverkennbare italienische Lebensart, wie sie auf der ganzen Welt bekannt und geschätzt ist.


Italiener sind zudem, über verschiedene Regionen hinweg, äußerst gastfreundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Diese Attribute verleihen ihnen somit oftmals einen unvergleichlichen Charme, ein Charisma, das die südländische Lebenslust nach außen trägt. Ein wahrer Genuss und Balsam für so manch gestresste, ausgelaugte Seele. Das Italien, das ich bisher erlebte, ist eine Freude für Augen, Gaumen, die Sinne und das Herz.




II. Akt: Der spontane Ausflug an die Hafenstadt Genua


Der Kurztrip in die italienische Kleinstadt Genua ließ mich beeindruckt und glücklich zurück; ich unternahm ihn recht spontan, da von Mitte bis Ende August der gesamte italienische Norden die Flucht gen Süden oder an sonstige umliegende Küstenorte nahe des Mittelmeers ergreift, um sich die wohlverdienten Ferien zu genehmigen (zu italienisch „Ferragosto“ genannt, ist dies die Ferienzeit um den Feiertag des 15. August (Mariä Himmelfahrt) herum, die in vielen Gebieten die heißeste Zeit des Jahres markiert).


Bereits am zweiten Tag meiner Mailand-Reise entschied ich über Nacht, wie recht häufig in meiner Manier so ganz Hals über Kopf, ein günstiges Übernachtungsangebot in Genua in Anspruch zu nehmen, um der gespenstisch leeren italienischen Mode- und Finanzmetropole für zwei Tage zu entfliehen. Glücklicherweise ist das Reisen mit dem Zug in Italien generell äußerst günstig, so dass ich für Hin- und Rückfahrt nicht mehr als den Preis eines wohlumfassenden und genüsslichen Abendessens zahlte.


Aufgrund spitzfindiger Anmerkungen meiner Mutter, die ihr herbes Urteil über Genua („hässliche Stadt“, „da ist doch diese Brücke eingestürzt“) aus ihrem reichen Erfahrungsschatz an Reisen durch den italienischen Norden in Form ausgedehnter Radtouren – meist noch aus der Zeit vor meiner irdischen Ankunft – schöpfen kann, war meine Erwartungshaltung an die Ästhetik und Atmosphäre in Genua entsprechend heruntergeschraubt. Aus einer realistischen Perspektive heraus und im Nachhinein betrachtet eigentlich die ideale Voraussetzung, um angenehm überrascht zu werden.


Bereits während der langsamen Einfahrt in den Bahnhof Genova Piazza Principe war ich äußerst erstaunt und konnte der leisen Stimme meiner Mutter in meinem Gedächtnis nur unglaubwürdig Beachtung schenken. Zwischen den Bahnschienen, die sich entlang des Gebirges den steinigen Abhang entlang hangeln, erschien vor meinen Augen schließlich eine italienische Kleinstadt wie man sie aus dem Bilderbuch oder als Abbild auf mancher Postkarte kennen wird.


Dort am Bahnhof Genua angekommen, es war noch vor Zwölf, schritt ich aus den Bahnhofshallen empor und erblickte eine Statue in Gedenken an „Cristoforo Colombo“, den Amerika-Entdecker, der hier geboren war und nach dem ebenso der nahegelegene Flughafen benannt ist. Ich ging weiter geradeaus eine kleine Straße den Hügel herunter, an der sich Geschäfte, Restaurants und Cafés angesiedelt haben. Mit kleinem Köfferchen und Handtasche im Gepäck ließ ich mich in einem der Cafés am oberen Ende der Straße nieder und bestellte einen Cafè Shakerato, eine Art kalter Americano, mit einem gehörigen Schuss Milch dazu, um die bittere Stärke des Kaffeearomas etwas abzumildern. Um halb Zwölf setzte verstärktes Glockenläuten ein, das in Gedenken anlässlich des Jahrestags des Brückeneinsturzes der unweit entfernten Morandi-Brücke ertönte und die Schweigeminute andächtig beschallte. Ein ergreifender und schwermütiger Moment inmitten der sonst so heiteren Unbeschwertheit der hochsommerlichen Urlaubszeit.


Am frühen Nachmittag zog ich dann weiter in das von mir gebuchte Hotel am etwas entfernter gelegenen Bahnhof Genova Brignole und machte mich von dort aus wenig später direkt auf den Weg zur Stadtmitte, zum Piazza de Ferrari. Als ich aus der Metro-Station hervor stieg, konnte ich meinen Augen nicht recht trauen – die Stimme meiner Mutter hallte noch immer nach – dieser Anblick hier war weit entfernt von hässlich; ganz im Gegenteil sogar. In der Mitte des Platzes befindet sich ein kreisförmiger Brunnen geschmückt mit vielerlei Fontänen, die zudem um ihn herum in Form gerader Streifen platziert sind; ringsherum um den Brunnen reihen sich mächtige Bauten (ital. „Pallazo“) – historische Gebäude, die heute als Geschäftsstellen großer Italienischer Banken und Institute dienen.



Ich ging die Straße weiter herunter und gelangte schließlich an einen weiteren Platz, auf dem sich der Palazzo Ducale Fondazione per la Cultura, ein Kunstmuseum mit wechselnden Ausstellungen, befindet. Eine wahre Fundgrube wie sich wenig später herausstellen würde – unter anderem wird dort momentan in Zusammenarbeit mit Magnum Photos das Leben und Werk des ehemaligen Magnum-Mitglieds Inge Morath gezeigt. Da ich bekanntlich seit geraumer Zeit überzeugte Magnum Photos Verehrerin bin, kam diese Überraschung zur besten Gelegenheit und erfreute mein Künstlerherz.


Dank der gelungenen Zusammenstellung von Moraths vielfältiger und tiefgreifender Arbeit, von ihrer Zeit als Texterin und Autorin, in der sie zufällig ihre Passion und ihr Talent für die Fotografie nach dem Vorbild der berüchtigten Magnum-Gründer entdeckte, über ihre ersten Schritte als Fotografin und die Lehrjahre unter der Mentorenschaft Cartier-Bressons, Capas und weiterer, bis hin zur schließlich resultierenden, zunehmenden Selbstständigkeit als professionelle Fotografin, nachdem sie sich durch erfolgreiche erste Arbeiten wie Dokumentarserien an Filmsets, auf Kulturreisen und mit Portraitierungen etabliert hatte, kann der Besucher in kurzer Zeit Umfassendes über Moraths Leben und ihre Person erfahren.


Die Ausstellung ist eine perfekte Symbiose von nötigem Tiefgang, um Moraths Werk die würdige Ehre zu erweisen, und liebevoll ausgetüfteltem Facettenreichtum, indem sie den Werdegang Moraths über alle Stationen ihres Lebens hinweg nach Schaffensarten mithilfe geschickter Raumtrennung untermalt. Die Räume sind nach den Ländern aufgeteilt, die Morath nach und nach aus verschiedenen Anlässen bereiste. Somit ist es ein wortwörtlicher Gang des Besuchers durch Moraths Schaffensphasen und Lebensstationen hindurch, die stets begleitet waren von ihren Freunden, Ehegatten, Mentoren und Kollegen, so dass auch der Besucher diese Menschen auf eindrucksvolle Weise kennenlernt. Auf etwas herauf gehobenen Podium befinden sich zwei Sitzreihen à vier Stühle und ein Fernsehbildschirm, auf dem ein alter Dokumentarfilm über Morath gezeigt wird. Diesen verfolgte ich für einige Minuten mit Spannung, da er mit weiteren interessanten Details sowie Kommentaren Moraths und ihr vormals nahestehender Kollegen geschmückt ist.


Neben der Ausstellung war ich allem voran von Inge Morath als vielfältige, weltoffene sowie höchst kultur- und menscheninteressierte Künstlerin und Persönlichkeit fasziniert. Dies äußerte sich nicht nur durch ihre häufigen Reisen in verschiedenste Gebiete auf nahezu allen Kontinenten, sondern umso deutlicher durch ihre besondere Hingabe und Leidenschaft, in die jeweiligen Kulturen vollends einzutauchen. Sie begegnete ihren Subjekten vor der Kamera stets auf Augenhöhe und mit ehrlicher, aufgeweckter Neugierde für den Menschen und die Geschichten dahinter.


Ich bleibe nach dieser erheiternden Erfahrung inspiriert und ermutigt zurück, und ziehe sprichwörtlich den Hut vor dieser Künstlerin. Inge Morath kann hervorragend als Vorbild für eine junge Generation kreativer und ehrgeiziger Frauen dienen, die sich in einer Männerdomäne durch kontinuierliches Streben und Schaffen begleitet von unerschöpflicher Freude für die Kunst und enormem Tatendrang den ungezwungenen Respekt ihrer Zeitgenossen und Vorbilder erarbeitete und im Zuge dessen – nach meinem Ermessen – die richtigen Werte und Prinzipien, die auf allerlei Disziplinen anwendbar sind, vertrat.


From the exhibition "Inge Morath: La vita. La fotografia." August 2019 © Palazzo Ducale in Genova, Italy

Ciao und Arrivederci, Bella Italia.

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