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  • Carolin Kassella

Travel Diaries – Vol. 2


Der langersehnte Trip in ein Einkaufszentrum


Eintrag vom 8. Mai 2020


Heute war ich das erste Mal nach Wochen der Selbstisolation, die einzig von sporadischen Trips zum örtlichen Supermarkt durchbrochen wurde, wieder in einem großflächigen Einkaufszentrum und es war das komischste Erlebnis seit langem. Zunächst war ich vollkommen überfordert von der ungewohnten Dichte und Masse an Menschen, und dachte mir, dass ich nicht nur wieder etwas regelmäßigen Sport und einen Friseurbesuch vertragen könne, sondern vermutlich ebenso einen Resozialisierungskurs in Betracht ziehen sollte. Ich schwebte ständig zwischen Vorsicht mit einem Hauch von unterschwelliger Distanzaggression, bei der ich jedem, der mir zu nahe kommt, direkt anfauchen oder anspringen möchte – natürlich nur bildlich gesprochen –, und sich wie ein Schwerverbrecher fühlen, obwohl man ja eigentlich völlig unschuldig ist und brav die Atemschutzmaske trägt. Dennoch hat das Tragen dieser Vorrichtung diesen gewissen Raubüberfall-Flair und vorsichtshalber lächle ich immer ganz auffällig und völlig ungekünstelt mit meinen Augen (im Englischen heißt das »smizing«, was man natürlich schon seit Jahren weiß, da man in der Jugend America’s Next Topmodel mit Tyra Banks auf MTV gesuchtet hat). Ganz zu schweigen von der erhöhten Stimmlage, die so eine Maske erfordert. An Podiumsdiskussionen möchte ich mit dem Teil lieber nicht teilnehmen, ohne Halsschmerzen und Heiserkeit kommt man aus so einer Nummer doch sicher nicht heraus.


Die uniforme Produktion der Schutzmasken bringt seine Tücken mit sich. Das gute Stück verdeckt weit mehr als zwei Drittel meines unterdurchschnittlich großen Gesichts und rutscht ständig hoch, so dass nicht nur Mund und Nase, sondern auch die Augen verdeckt sind. Eine neue Ära der Peinlichkeit, na bravo. Kann ja nicht jeder einen Chirurgenschädel haben, denke ich mir, und zuppele mir in einer halb-sterilen Aktion mit meinen Händen die Maske wieder etwas unter das Kinn, das schon seit meiner Geburt dauerhaft flüchtet. Jetzt schaut fast die Nase raus und ich habe Sorge, dass ich vor den Leuten nicht nur meine Peinlichkeit entlarve, sondern sie fälschlicherweise auch noch annehmen, dass ich schlichtweg zu doof bin, um den Mundschutz richtig aufzuziehen.


Dabei ergatterte ich stolze zehn Stück der medizinischen Masken bereits im Februar unter der leicht besorgten Anweisung des Apothekers, der einen baldigen Ansturm auf dieses Knappheitsgut schon damals vorhersagte, zu einem ebenso stolzen Stückpreis von 80 Cent; bin mit den guten Teilen also bereits seit Monaten vertraut. Kaufen kann ich mir davon natürlich nichts, und von den zehn sind über die Wochen und verschiedenen Wege nicht mehr viel übrig geblieben. Daher habe ich mir in dieser Woche Stoffmasken im örtlichen Schneiderladen bestellt und verzeichne dadurch eine Preissteigerung von 900% pro Maske. Naja, wie heißt es derzeit so schön? »What a time to be alive.«


Das Ende vom Lied meiner Shoppingtour war jedenfalls, dass ich meine nötigsten Besorgungen in Windeseile tätigte und nach weniger als einer halben Stunde fluchtartig das Gelände verließ – die meisten der großen Geschäfte waren sowieso noch nicht begehbar, und Freude bereitet das übliche Schlendern und Schlängeln durch Absperrbänder, Schutzvorrichtungen und Trennobjekte sowieso nicht. Irgendwo zwischen Beklemmung und Besorgnis schlummert hoffentlich noch das Kaufrausch-Gen und wartet geduldig auf die Vorweihnachtszeit, um mal wieder Vorherrschaft über die konsumgetriebene Psyche zu übernehmen. Das Reisefieber wird bei mir im Jahr 2020 definitiv nicht mehr entfacht werden, denn ich bin einfach nur froh, wenn ich unversehrt und gesund auf der Couch meiner wahren Leidenschaft nachgehen kann: ganz lethargisch und befreit von Reue Schokolade essen.

Der Trip zum örtlichen Supermarkt, das Reise-Highlight in 2020?

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