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  • Carolin Kassella

Urlaubserzählungen


Jetzt lieg’ ich hier, am Stand von Capoterra auf der italienischen Insel Sardinien. Das laute Rauschen des Meeres, gefüttert durch den starken Wellengang, übertönt die Konversationen vereinzelter Paare, die in angenehmer Distanz um mich herum platziert sind. Inmitten des monotonen Klangs der Naturgewalten ertönen Kinderstimmen, die meist als kurzweiliges Geschrei zu vernehmen sind. Der Wind pfeift mir um die Ohren und verweht mein krauses, öliges Sommerhaar in beeindruckend homogener Zyklizität, so dass zu keinem Moment eine gesetzte Frisur entstehen kann. Rückblickend betrachtet merke ich schmunzelnd, das war schon immer ein Symbol des Urlaubs.


Die Nachmittagssonne sticht mit sanfter Intensität, die durch die immer wiederkehrende kühle Meeresbrise noch etwas abgeschwächt wird. Nahezu gefährlich, denn nur wenige Minuten ohne ausreichend Sonnenschutz verheißen nichts Gutes – die Röte auf meiner Haut zeigt sich bereits innerhalb der ersten Stunde. Ich wende das altbekannte Heilmittel an: Schicht für Schicht cremen, und hoffen, dass Nivea und Balea halten, was sie versprechen.


Bunte Fallschirme der Kitesurfer toben inmitten der Wellen und geben der mediterranen Szenerie den besonderen Charakter, der die Tristheit des graubraunen Wassers behutsam in den Hintergrund drängt. Ein Ausdruck von menschlichem Leben in den Weiten der Natur – wie ein Medium, das den lebendigen Geist des Ozeans für uns Menschen greifbar und zumindest für einen Augenblick zähmbar erscheinen lässt. Selbst wenn man es nicht ganz so philosophisch betrachten mag; eine schöne Fotokulisse ist es allemal.


Zu etwas späterer Stunde, gegen vier Uhr, braust mir der Wind noch wuchtiger um die Ohren und ich bedecke mich aufgrund der überwältigenden Frische mit T-Shirt und kurzer Hose. Die kraftvollen Wellen, nun deutlich stärker inmitten der Geräuschkulisse zu vernehmen, bringen die natürlichen Überreste im Wasser, eine Mischung aus Algen, sonstigen Seepflanzen und kleinen Gesteinspartikeln, zum Vorschein. Entlang der Wasserlinie hat sich ein Streifen dieser Anhäufungen gebildet, der als Trennlinie zwischen sicherem Sandbett und den unruhigen Fluten dient.


Die Schönheit der Karibik ist hier also nicht zu finden, doch für mich ist es dadurch nicht weniger entspannend und erfreulich. Im Gegenteil – was ich aus den vergangenen Monaten als Lebensweisheit für mich extrapoliert habe, lässt sich auch in diesem Fall bestens anwenden. Es muss nicht immer alles perfekt sein und zu 95 (geschweige denn 100) Prozent den Idealvorstellungen entsprechen, um einen Moment oder eine Sache vollends genießen zu können. Es liegt womöglich an der Willkür und Unberechenbarkeit der Erde und des Universums, dass wir uns in nahezu jeder Situation mit einem natürlichen Kompromiss konfrontiert sehen. Mit der suggerierten Weisheit eines Mönchs konstituiere ich in diesem Fall mutig: Das ist die Essenz des menschlichen Lebens. Welche Kompromisse wir täglich genau eingehen, und, viel spannender noch, mit welcher Geisteshaltung wir diesen gegenüber treten, bestimmt daher maßgeblich, wie erfüllt und glücklich wir uns im Laufe unseres Lebens fühlen.


Ich beobachte die an mir vorbeiziehenden Menschen, während ich vor der prallen Mittagssonne geschützt unter einem Sonnenschirm aus Stroh vor mich hin sinniere. Eine Frau sammelt an den Strand geschwemmte Muscheln und wirft sie schwungvoll zurück in die heranschnellenden Wellen. Das kleine Mädchen, das sie begleitet, macht es ihr nach. Ich frage mich, ob dies einen eher unbedachten heldenhaften Akt von Lebenshilfe, gar Reanimation, darstellt; doch ebenso könnte es auch eine vorwiegend spirituell begründete Handlung sein, verbunden mit einem Aberglauben, bei dem das eigene Karma durch die Rückführung dieser Meeresbewohner in ihren ursprünglichen Lebensraum auf höhere Ebenen gehoben wird. Muscheln werfen als Garant gegen ein mögliches Ameisen- oder Krötendasein – eine amüsante Vorstellung. Wie es den geretteten Muscheln mittlerweile ergeht, konnte ich leider nicht weiter verfolgen.


Stattdessen wage ich selbst einen Gang ins nicht wirklich kühle, nahezu lauwarme Nass und werde von der Wucht der gebrochenen Wellen im Minutentakt aus dem Gleichgewicht gebracht. Als ich wenig später aus dem Wasser gehe, kleben kleine Pflanzen- und Muschelreste an meiner Haut. Es fühlt sich wunderbar an.




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