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  • Carolin Kassella

Von der schleichenden Epidemie der modernen Rastlosigkeit

Gesellschaftlich verbreitete soziale Epidemien existieren laut aktuellem Wissenschaftsstand bereits seit den Anfängen der Zivilisation. Parallel zur Ausweitung der Social Media Nutzerzahlen und dem rasanten Wachstum verschiedener Plattformen, das daraus resultierte, können wir seit geraumer Zeit einen neuartigen Trend beobachten, der schleichend aber gewiss beängstigende Züge annimmt.



Durch die Social-Media-Welt eindrucksvoll dokumentiert und täglich präsent für alle Konsumenten dieser sozialen Netzwerke ist der beachtliche Anstieg der Reiselust und des sog. (vor allem temporären) "Expat"(dt. Auswanderer)-Daseins junger Menschen hierzulande. Inwiefern ein Zusammenhang mit der Nutzung von Social Media, insbesondere der Bild-App Instagram, und dem gestiegenen Drang zur Reisetätigkeit bei einer beachtlichen Zahl junger Menschen besteht, wurde bisher nicht merklich wissenschaftlich untersucht. Viel interessanter als das reine Ergründen einer Korrelation ist dabei die Frage nach der Kausalität zwischen beiden Größen, also ob Social Media das wachsende Reisefieber einer Generation und den verbundenen Exhibitionismus fördert oder sogar Ursache des Anstiegs ist, oder ob andere Faktoren (gesteigertes Reiseangebot, gesunkene Preise, verstärkte Reisefreiheit, etc.) das freiwillige Nomaden-Dasein beeinflusst und begünstigt haben, und dieses durch Social Media schlichtweg dokumentiert und somit sichtbarer wird.


Ebenso spannend ist die Frage, woher dieser unsägliche Drang rührt, ständig und in alle Richtungen unterwegs sein zu wollen; noch bevor der eine Trip vorbei ist bereits die nächsten drei für den Rest des Jahres zu planen. Und bis zu welchem Punkt ist dieser Drang sowohl individuell als auch gesellschaftlich gesund und förderlich?


Mir erscheinen diverse Gründe für das verstärkte Reisen der jungen Menschen im Alter von etwa 18 bis 30 Jahren in den letzten Jahrzehnten plausibel – insbesondere in immer entferntere Ziele und innerhalb eines sich stetig vergrößernden Radius –, neben unschuldigen Motiven wie Abenteuerlust, Abwechslung, Spaß und Etwas-neues-sehen-wollen in Kombination mit günstigen Konditionen des Tourismusmarktes.


Vielleicht ist es eine Ausprägung des mittlerweile bekannten FOMO („Fear Of Missing Out“)-Phänomens, also die Angst, etwas zu verpassen, das Spaß, Abenteuer und Gemeinschaft verspricht. FOMO geht oftmals mit gesellschaftlichem Gruppenzwang einher. Diese Hypothese würde besagen, dass junge Leute verstärkt reisen, damit sie sich mit dem Rest ihrer sog. Peers – also meist Freunden, Bekannten oder Menschen im gleichen Alter, mit ähnlichem Bildungsniveau und der gleichen Lebensart – identifizieren können und Verbundenheitsgefühle zu diesen empfinden, indem sie ähnliche Erlebnisse und Erfahrungen teilen und dadurch schließlich von Gleichgesinnten akzeptiert werden.


Des Weiteren wird ständiges Reisen und Auslandsaufenthalte, die mittlerweile für gewisse Bildungsniveaus zum Standard geworden sind, zunehmend mit der Eigenschaft der Weltoffenheit und dem Interesse an anderen Kulturen und Historien gleichgesetzt. Dieser Rückschluss kann gefährlich und sozial schädigend sein, denn im Umkehrschluss könnte gefolgert werden, dass ein Mangel an Reisen beziehungsweise der Bereitschaft dazu eine Verschlossenheit bzw. Desinteresse gegenüber anderen Ländern attestiert – wieder ein Ausschlusskriterium des sozialen Umfelds. Denn spätestens beim nächsten Wiedersehen mit dem Freundeskreis, bei dem jede(r) vom unglaublichen Erlebnis im anderen Studien- oder Reiseland erzählt, hat man schließlich nichts beizutragen. Dies kann zu einer Reihe negativer Gefühle wie Unsicherheit, Neid, Scham oder Reue führen.


Doch benötige ich wirklich eine Vielzahl an Reisen und das oftmals manische Abhaken einer Bucket List, um ein weltoffener Mensch zu werden? Ich behaupte sogar, dass wir hier mit dem sog. Henne-Ei-Problem konfrontiert sind. Wenn ich nicht schon vorher gewisse Eigenschaften entwickelt habe, die zu einem weltoffenen und reiselustigen Menschen zählen, wie bspw. Neugierde, Toleranz, Empathie, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Spontanität, kann ich einen Auslandsaufenthalt dann wirklich genießen und optimal für mich nutzen? Wenn wir zunächst zehn Länder bereisen müssen, um diese Attribute zu formen, liegt das Problem nicht eher in unserer Erziehung und beim Elternhaus, das uns diese Werte nicht auf gewöhnlichem Wege im Alltag vermittelt hat? Einen erheblichen Anteil am Selbstverständnis des modernen Globetrotters trägt sicherlich auch die heutige Arbeitswelt der akademischen Berufe, die von Bewerbern mittlerweile mindestens einen Auslandsaufenthalt fordert. Ob das auf Dauer tragfähig und zielführend ist?


Oder stecken hinter der Mehrzahl der Fälle eventuell weitreichendere psychologische Gründe? Etwa, dass das ständige Reisen in Wahrheit eine versteckte Flucht ist? Flucht vor dem eigenen Alltag, der Routine, begleitet und befeuert durch die Angst, Klischées wie Spießbürgertum oder Eingesessenheit mit verbundenen Attributen wie Dorfmentalität zu entsprechen? Vielleicht dient es schlichtweg und mitunter dem Verdrängen von negativen Gefühlen und anderen elementaren Ängsten? Wer ständig rastlos von einer ausländischen Stadt in die nächste, von einem Auslandssemester zum Auslandspraktikum auf verschiedenen Kontinenten hüpft, hat nur wenig Zeit und Energie, um jede Erfahrung hinreichend zu reflektieren und auch im Nachhinein die Eindrücke zu genießen, auf sich wirken zu lassen, zumal zurück im Alltag meist neuer Stress und andere Gedanken hinzukommen.


Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass diese neuartige Entwicklung (je nach Persönlichkeitstyp) schnell ungesunde Züge annehmen kann und wir uns eventuell des Öfteren zurückbesinnen sollten auf Zeiten, in denen dieser Dauertourismus keine Selbstverständlichkeit (da allein finanziell gar nicht möglich) war. Betrachten wir nur einmal das Leben unserer Eltern. Sie haben meist in ihren ersten 35 Lebensjahren nicht annähernd so viele Reisen bestritten wie einige von uns bereits im Alter von 25. Nicht zuletzt da viele, die aus Arbeiterfamilien in akademische Berufe strebten, in dieser Zeit mehrheitlich damit beschäftigt waren, ihr Studium (ohne Reisen) zu absolvieren. Die meisten von ihnen sind dennoch weltoffene, kulturinteressierte, interessante Menschen geworden in einer globalisierten Welt, die sich für sie in wenigen Jahrzehnten enorm verändert hat. Zudem haben sie mittlerweile viele Länder auf diversen Kontinenten bereist (mit oder ohne uns), denn dank der gestiegenen durchschnittlichen Lebenserwartung bleibt dann doch noch einiges an Zeit über die jungen Jahre hinaus.


Vielleicht sollte uns das zum Nachdenken anregen, etwas Bodenständigkeit bei der Jahresplanung bescheren und dies eher als Inspiration dienen als die immer wiederkehrenden Eindrücke von Reisebloggern, wenn wir durch unseren Feed scrollen, um unruhig das nächste Reiseziel auszuklügeln. Im Alltag und Zuhause kann es nämlich auch kultur- und abwechslungsreich, aufregend und lehrreich sein – ganz ohne Extrakosten und Reisestress.



In diesem Sinne einen schönen Sommer,

ganz egal wo – C.

„Zuhause ist es auch ganz schön.“ | © C. K. 2019



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