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  • Carolin Kassella

Von Geld und Moral


Geld besitzt keine Moral. Geld denkt nicht, es hat kein Eigeninteresse, es wertet nicht. Geld ist unter anderem ein Tausch- und Werterhaltungsmittel. Die Funktionen des Geldes wurden von Ökonomen bereits vor Jahrhunderten theoretisch erläutert und werden seit jeher diskutiert.


„Geld regiert die Welt“ – eine alte Weisheit, die oftmals lapidar daher gesagt wird, und doch wird die überwältigende Mehrheit der Menschen die Wahrhaftigkeit dieser These nicht abstreiten.


Dass Geld die Welt regiert, zeigt sich dieser Tage eindrucksvoll am Börsenkrimi rund um die Aktie des amerikanischen Unternehmens GameStop und weiterer vereinzelter Titel, die Reddit-Gruppe „Wallstreetbets“, sogenannte Shortseller in Form von Hedgefonds, und weitere Akteure mit Interesse am Aktienmarkt. Dabei können wir nicht nur enorme Kursveränderungen und Handelsvolumina beobachten, sondern darüber hinaus eine moralische Debatte, die in einen politischen Klassenkampf auszuarten scheint.


Begonnen hatte der Spießrutenlauf mit den emotional geladenen Teilnehmern des Internetforums Reddit, die im Thread mit dem Titel „Wallstreetbets“ bereits seit Monaten Trading- und Investmentstrategien austauschen und diskutieren. Dabei stachelten sie sich wohl in vergangenen Wochen immer mehr auf und fokussierten sich auf wenige Titel, bei denen sie ein hohes Engagement von den sogenannten Shortsellern beobachteten – und eine Chance sahen, diese „zu Fall zu bringen“.


Die Beschreibungen und Wortwahl in den Foren, sozialen Medien und Zeitungsartikeln scheinen aus dem Repertoire der politischen Sphäre und teils aus kriegsähnlichen Berichten, gar Propaganda-Pamphleten entsprungen zu sein. Wer sich durch die Reddit-Threads zum GameStop-Börsenkrimi liest, kann die Wut und den Hass auf bestimmte Akteure herauslesen. Die Hedgefonds sollen bluten. Man wolle es ihnen heimzahlen, dass sie sich jahrzehntelang am gemeinen Volk bereicherten und manche sprechen ihnen die Verantwortung für die letzte große Finanzkrise von 2008 zu.


Dabei geht es im weiteren Sinne auch um die „Boomer“-Generation, die auf Kosten der Jüngeren – unter anderem der „Millennials“ – ein gutes Leben haben und sich mit ausreichendem Polster für ihre Altersvorsorge bereicherten, während sie den nachfolgenden Generationen ein Trümmerfeld mit ewig niedrigen Zinsen und immensen Schulden hinterlassen haben, heißt es dort.


Diese Entwicklung ist alarmierend und geht tiefer als ein reiner Schlagabtausch am höchst volatilen und risikobehafteten Aktienmarkt. Die Moralisierung des Kapitalmarktes hat damit einen nie gekannten Höchststand erreicht – befeuert durch Trading-Apps und Neobroker, die durch ihr Preismodell und den vereinfachten Zugang wohl eine Revolution – sie betiteln es als „Demokratisierung“ – des Aktienhandels in die Wege geleitet haben.


Auch auf der Social-Media-Plattform Twitter gaben Zehntausende ihre Meinung zum Spektakel preis und mutmaßten über die Ursachen des jüngsten Fiaskos. Besonders in die Kritik gerieten zuletzt die Neobroker selbst, allen voran Robinhood, die durch die kurzzeitige Beschränkung des Handels mit der GameStop-Aktie (und weiteren) schwer unter Beschuss gerieten.


Nutzer der Neobroker sowie Außenstehende prangerten dies als Eingriff in die Marktfreiheit und -effizienz an. Sie bezichtigten die Broker der Kooperation mit den „Bösen“ der Wall Street, namentlich dem Hedgefonds Melvin Capital, der durch die vorherige Explosion des Aktienkurses Verluste in Milliardenhöhe einsteckte und seine Position decken musste. Dafür erhielt er Finanzspritzen von keinen geringeren als weiteren Hedgefonds.


Wer die Absprache der Wallstreetbets-Trader im Vorfeld des Zockerkrimis um Gamestop & Co. als überfälligen Vergeltungsschlag gegen etablierte Mächte der Wall Street sieht, verkennt die Situation um die vielen Dimensionen, die hinter dem Marktgefüge stecken.


Der Kapitalmarkt wird im Kern nicht von Fonds und weiteren Akteuren bestimmt, sondern von Anreizen und Motiven. Ein Teil der Anleger – diejenigen, die eine sogenannte „Long“-Position halten – hat Interesse an einem steigenden Aktienkurs, denn sie erzielen durch steigende Kurse ihre Rendite. Und darum geht es einzig und allein beim Investieren: Rendite zu erzielen, Geld zu verdienen. Und es geht um eine Wette auf die Zukunft, wie nicht zuletzt der Thread-Name „Wallstreetbets“ offenbart.


Ein anderer Teil der Marktteilnehmer, die Shortseller, haben wiederum einen gegensätzlichen Anreiz, da sie wie ihr Name verrät „Short“-Positionen halten – sie erzielen Rendite, wenn der Aktienkurs fällt. Das Problem an der moralisierten Diskussion dieser Tage: Letztere Akteure werden dämonisiert, während die Investoren der „Long“-Positionen als Helden gefeiert werden – die „Robinhoods der Kleinanleger“, die ironischerweise auf der Robinhood-Trading-App selbst gebremst wurden.


Dabei rein auf Basis der Interessenlage Partei zu ergreifen, ist gefährliches Schwarz-Weiß-Denken, das in der Wirtschaft wie in der Politik zu kurz greift und ein rein populistisches Mittel darstellt. Warum ist es moralisch verwerflich, auf einen fallenden Aktienkurs zu setzen, und heldenhaft, die Investoren mit Long-Positionen unreflektiert in Schutz zu nehmen?


Exemplarisch stelle man sich drei Parteien vor:

  • Elon Musk, CEO und Miteigentümer des börsennotierten Unternehmens Tesla

  • Ein Kleinaktionär, der Tesla-Aktien hält

  • Ein Institutioneller Investor, ebenfalls mit einer Long-Position in Tesla


Alle drei haben denselben Anreiz, den Preis nach oben zu treiben – wer stellt sicher, dass dies recht- und verhältnismäßig passiert? Wenn Elon Musk für seine Millionen Follower wie die gesamte Weltöffentlichkeit twittert und damit den Aktienkurs seines Unternehmens wissentlich beeinflusst, kann dies ebenso Marktmanipulation darstellen, wie wenn ein Unternehmen wissentlich Informationen veröffentlicht um den Aktienkurs in die Höhe zu treiben, obwohl intern widersprüchliche Informationen vorliegen.


Auf die Spitze getrieben wurde diese Marktmanipulation in Betrugsfällen wie etwa dem Wirecard-Skandal. Dabei waren Shortseller sogar elementar in der Aufdeckung und Aufarbeitung dieses Betrugs in Milliardenhöhe – schmälert es ihren sozialen Verdienst, dass sie daran verdienten? Wie lange wäre der Betrug weitergegangen, wenn sie keinen monetären Anreiz und den damit verbundenen Ressourcen-Einsatz zur Aufdeckung des Skandals gehabt hätten?


Long-Investoren sind nicht automatisch die Guten, während Shortseller die Bösen sind. Der Kern der Diskussion sollte sich auf die Regulierung des Marktes und Marktversagen fokussieren, das sowohl bei Betrugsfällen als auch bei unlauterer Absprache von zehntausenden Reddit-Nutzern eintritt. Die unsichtbare, freie Hand des Marktes nach Adam Smith wird von vielen als unabdingbar gesehen, doch ebenso ist die Kontrolle durch unabhängige Instanzen ein elementarer Bestandteil effizienter Märkte und fairen Wettbewerbs.


Eine Unterteilung der Retail-Investoren in ein Lager, und die der konventionellen Wall-Street-Akteure mitsamt der angeblich mit ihnen kooperierenden Neobroker in ein anderes, ist genauso verheerend wie die Radikalisierung politischer Gruppen, die ungebändigt extremistische Positionen verbreiten.


Wenn Kleinanleger den Aktienmarkt instrumentalisieren, um politische Zeichen setzen zu wollen, werden sie auf lange Sicht nur sich selbst schaden. Denn Rendite kennt keine Moral und Investieren am Aktienmarkt sollte nicht als mehr angesehen werden, als es ist: eine Wette auf die Zukunft.


Bulle vs. Bär – Streetart von Guido Zimmermann im Frankfurter Nordend.

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