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  • Carolin Kassella

Wandel der Jahreszeiten


Der Himmel leuchtet als wär' er blau angestrichen; die kühle Luft trägt den Frühling durchs Land. Und die ruhige Atmosphäre des Ostermorgens bringt den Anflug von Unbeschwertheit, auch, wenn es nur ein Moment sein mag. Die neue Saison verheißt zumeist eine hoffnungsfrohe Zeitenwende, doch was für eine Wende kann das sein? Hört und liest man doch überall, es gäbe kein Zurück mehr, die Dinge werden nun ihren Lauf nehmen, die Spirale ist in Gang gesetzt, das Karussell dreht sich immer weiter.


Menschen halten sich an der Natur und den Gezeiten fest, um den Dingen einen Sinn zu verleihen, einen Sinn, der in den Dingen nicht schlummert und daher auferlegt werden muss - künstlich, anorganisch, zwanghaft. Wenn die Sonne emporklettert und von Tag zu Tag höher steht, sich länger zeigt, bevor sie am Horizont verschwindet, wenn die Nacht nicht mehr Oberhand hat, so steigt auch die Zuversicht. Unmöglich geglaubtes wird wieder möglich, Hürden sind schiere Verspätungsboten, jedenfalls keine zerstörerischen Tatsachen endgültiger Hindernisse.


Bevor der Müßiggang der Sommerhitze in mitteleuropäische Gefilde Einzug erhält, erfährt der hiesige Bewohner einen Motivationsschub, ein temporäres Aufflackern der altdeutsch attribuierten Tugenden wie Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Verlässlichkeit, Fleiß. Manch einer entwickelt ein für ihn ungewöhnlich sonniges Gemüt, das Großzügigkeit und Empathie zulässt. Im Wonnemonat werden sich nochmal die Hände schmutzig gemacht, es wird sich zusammen gerissen, vorgearbeitet, bevor die lange, zähe Pause des Sommers einsetzt.


Das Zwitschern der Vögel begleitet selbst die Pragmatischsten der leistungsorientierten Gesellschaft beim täglichen Ein und Aus, beim Verrichten der routinebehafteten Aufgaben mit einer romantischen Lässigkeit, die sonst nur Naivlinge verspüren. Kleine Stolpersteine der Umwelt scheinen ihnen nichts auszumachen. Der Tüchtige kann in seiner zwanghaften Produktivitäts-Tour-de-Force einzig vom heran schwirrenden Pollenflug gestört werden, oder von des Menschen ärgsten Feind der besiedelten Lüfte, der Wespe. Die Wespe vermag mit ihrem in Relation zum Menschenkörper doch gar winzigen Leib ein ganzes Volk in die Knie zu zwingen, sofern es Trank und Speis im Freien betrifft.


Ein weiterer fliegender Erzrivale aus der Fauna, der dem Wespentier jedoch nicht den Rang ablaufen kann, ist die gemeine Fruchtfliege, die sich rasend schnell und mit parasitärer List im heimischen Küchenreich ansiedelt, sobald die sommerlichen Temperaturen häufiger wiederkehren. So ist des Deutschen größte Furcht, auch nur ein einziges Exemplar in den behausten vier Wänden zu sichten, denn, so ist ihm gewiss, eine Fruchtfliege kommt selten allein.


Doch jene davon herrührende Beschwerlichkeit des pränatalen Sommers vermag der allgemeinen Leichtigkeit der zweiten Jahreszeit keinen Abbruch zu tun, und der Seele des Neuen, des Beginns, des alljährlichen Wiederauflebens von kindlicher Zuversicht keinen Zauber auszutreiben. Die Sonnenstrahlen schenken das Serotonin, das uns Glücksmomente ermöglicht; und alles Trübe ist, zumindest für einen Augenblick, in Glanz gehüllt. Die Zeitenwende ist so sicher wie der Tod, braucht der Mensch doch diesen Umbruch, um die Sinnhaftigkeit des Seins zu begreifen.