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  • Carolin Kassella

Whoa!-Moment zum Klimawandel


Demonstration zu Klimawandel, Europawahl und Kunstfreiheit in München, Mai 2019 | © C. K.

Boom! Klimawandel


– es gibt wohl kaum ein Thema, das momentan derart breitgetreten, politisiert und emotionalisiert wird. So ist es aufgrund der nun bereits monatelang anhaltenden „Fridays for Future"-Bewegung und der spontanen Instrumentalisierung als politisches Wahlkampfthema anlässlich der diesjährigen Europa- und Kommunalwahlen bereits von sämtlichen Medienformaten, Parteien, Initiativen, Diskussionsrunden, Konferenzen, Spezialberichten, Wissenschaftsbeiträgen und weiteren Institutionen von verschiedensten Blickwinkeln durchleuchtet und in allen Facetten aufgearbeitet worden. Man müsste eigentlich annehmen, die gesamte Bevölkerung hierzulande, oder gar in weiten Teilen Europas, sei nun im Kollektiv zu Klimaexperten avanciert.


Der aktuelle Überschwall an Reportagen und medial begleiteten Debatten ist Konsequenz eines natürlichen Prozesses, da neben den vielen Experten und Klimaschützern, die nun verstärkt in den Mittelpunkt rücken, ebenso eine stetig wachsende Zahl besorgter Bürger*innen vor den Folgen des Klimawandels warnt und den Zeigefinger gegen alle Umweltverschmutzerbanausen und diejenigen, die sich noch elegant in Klimaapathie üben, erhebt. Das Thema weise eine enorme, alarmierende Brisanz auf – schließlich lügen die Statistiken nicht und die aktuelle Klimabewegung zeigt in ihrer überwältigenden Intensität eindrucksvoll, wie lange und vehement die Thematik von Politik, Medien und der breiten Öffentlichkeit gekonnt verdrängt wurde.


Stichwort Statistik: In dieser Woche habe ich mich zum ersten Mal tiefergehend mit der Materie beschäftigt, da ich einen Vortrag des renommierten deutschen Klimaforschers Prof. Dr. Christian-Dietrich Schönwiese, emeritierter Professor der Goethe Universität Frankfurt, besuchen durfte. Seine Präsentation mit dem Titel „Klimawandel Kompakt“ (sein gleichnamiges Buch ist Anfang des Jahres erschienen) umfasste eine kurze Historie des Erdklimas in der Zeitspanne von vor 4,6 Milliarden Jahren bis heute, er stellte die (fast schon provokante) Frage, ob der Klimawandel wie in der Öffentlichkeit dargestellt überhaupt existiere (kurzum: ja, tut er), beleuchtete die Ursachen dessen und umriss die klimapolitischen Ansätze der vergangenen Jahrzehnte. Ein kurzer, mutiger Blick in unsere Klimazukunft rundete seinen Vortrag ab.


Da ich nach diesen für einen Klimalaien sehr verständlich gestalteten 90 Minuten von Prof. Dr. Schönwiese sicherlich nicht zur Klimaexpertin mutiert bin und durch Wiedergabe seiner Passagen keine schwerwiegenden Missverständnisse schaffen oder falsches Wissen verbreiten möchte, hier die persönlichen Highlights meines Erkenntnisgewinns und mein kleiner Whoa!-Moment zum Thema Klimawandel:


  1. Es gibt öffentlich zugängliche Datenbanken, die vom Expertengremium Weltklimarat (engl. IPCC) kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Auf https://www.ipcc.ch/data/ veröffentlicht der Weltklimarat aktuelle Werte der Klima- und Wettermessungen sowie weitere Daten zu Umweltthemen und aus sozioökonomischen Erhebungen. Durch die Bandbreite und gesicherte Qualität der angebotenen Datensätze und Publikationen ist somit jeder in der Lage, sich umfassend und hinreichend über die aktuelle Situation und die Schätzungen für die kommenden Jahrzehnte zu informieren. Die Nutzung solcher Datenquellen sollte meines Erachtens von den Politik- und Bildungsinstitutionen massiv gefördert und verbreitet werden. Wer immer noch nicht faktenbasiert an der gesellschaftlichen Diskussion teilnehmen kann, sollte sich in der Verantwortung sehen, seine Wissenslücken auf diesem Wege (weitestgehend) zu schließen oder anderweitige öffentliche Äußerungen zumindest zu überprüfen.

  2. Sogenannte „Klimaprognosen“, wie sie oftmals von kommerziellen Medienformaten betitelt werden, existieren nicht. Punktuelle Vorhersagen sind nicht möglich, da das Eintreten unvorhersehbarer Ereignisse berücksichtigt werden muss, was nur schwer zu quantifizieren ist. Daher stützen sich die Wissenschaftler auf das Allheilmittel der zukunftsgerichteten Forschung, die sog. Szenario-Analyse, in der diverse Annahmen und damit einhergehend „Wenn …, dann …“ Aussagen getroffen werden. Absolut formulierte Vorhersagen wie bspw. „Die durchschnittliche Erdtemperatur wird in den nächsten 20 Jahren um 1 Grad Celsius steigen" sind daher selten wissenschaftlicher Natur und sollten mit Vorsicht aus der Tagespresse entnommen werden. Eine fundierte Aussage würde hingegen lauten „Unter der Annahme, dass die Bevölkerung Verhalten X an den Tag legt und gewisse Ereignisse wie Y und Z nicht eintreten, erwarten wir einen Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur um 1 Grad Celsius.“ Dementsprechend lohnt sich auch immer ein genauer und prüfender Blick darauf, welche Annahmen explizit getroffen wurden, und wie realistisch die Vorhersage dementsprechend sein kann.

  3. Prof. Dr. Schönwiese hob hervor, dass viele Aussagen der populären Klimaschützer, wie u. a. dass sog. Kipppunkte existieren, wissenschaftlich fundiert und unbestritten seien. Er erwähnte jedoch ebenfalls, dass einige (politische) Forderungen, gerade vonseiten der überzeugten Klimabewegungen, in dieser Form und mit dieser Geschwindigkeit nicht umsetzbar seien und plädierte bei allem berechtigten Aktionismus und Aktivismus gleichzeitig für Realismus und vernünftiges, rationales Abwägen in zunehmend emotionalisierten Diskursen. Zudem sollten Wissenschaftler anderer Disziplinen, insbesondere aus den Gebieten Ökonomie und Soziologie, in die Debatte einbezogen werden, um eine zielgerichtete Diskussion für die Erörterung zukunftsfähiger und gesellschaftlich nachhaltiger Lösungen zu ermöglichen.

  4. Zuletzt möchte ich abschließend meinen persönlichen Whoa!-Moment des Vortrags teilen: Prof. Dr. Schönwiese betonte, er kenne keinen einzigen Kollegen im globalen Kollektiv und Konsens der Klimaforscher, der die Existenz des Klimawandels und den Einfluss des Menschen am signifikanten Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur der letzten Jahrzehnte leugne oder anzweifle. Somit entlarvte er US-Präsidenten Trump, diverse Wahlprogramme und sonstige Klimaskeptiker, die ein ähnliches Sentiment vertreten, schlichtweg als Lügner und spricht ihnen jegliche Glaubwürdigkeit in der Klimadebatte ab.


Das geschlossene Fazit in der Wissenschaft der (qualifizierten) Klimaforschung lautet daher: Der Klimawandel existiert, er ist zu einem erheblichen Anteil menschengemacht und die weitere Intensivierung gewisser Prozesse durch erhöhte Emissions- und Verbrauchswerte werden im Umkehrschluss von uns gesteuert. Somit liegt es einzig in unserer Verantwortung, unsere eigene Geschichte und das Klima des Planeten nachhaltig in eine andere Richtung zu lenken.


Lange Zeit habe ich mit zynischem Blick auf manchen Klimaprediger geschaut und unsere Teilhabe an der Veränderung des globalen Ökosystems massiv unterschätzt. Spätestens jetzt habe auch ich verstanden: Auf der berühmten ökologischen Uhr schlägt es bereits kurz nach 12 und wir werden in den kommenden Jahrzehnten die Konsequenzen weltweiten Ausmaßes bewältigen müssen, die wir durch jahrhundertelange Ignoranz, ewiges Zögern und eklatantes Fehlverhalten selbst geschaffen haben. Dabei richte ich den warnenden Blick vor allem westlich und östlich von uns auf den amerikanischen und den asiatischen Kontinent. Wir müssen erreichen, dass die betreffenden Staatschefs und Wirtschaftsbosse die brenzlige globale Situation endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit angehen und enorme Veränderungen anstoßen, damit wir die weitere Verschlimmerung vorzeitig aufhalten. Ein erster Schritt ist sicherlich die erhöhte Sichtbarkeit und das gesellschaftlich geschlossene Vorantreiben des Klimaaktivismus in Europa.


"Skewed perception" | © Carolin Kassella, 2019

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