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  • Carolin Kassella

Wissenschaft vs. Öffentlichkeit


Seit Wochen werden Virologen, Epidemiologen und weitere Wissenschaftler, die sich im Verlauf der Corona-Krise öffentlich äußern und ihre Einschätzungen abgeben – sowohl in der Politikberatung als auch in den Medien –, zunehmend von der Öffentlichkeit kritisiert und insbesondere seit Verschärfung der Krise verstärkt angegriffen. Dabei wird von unterschiedlichen Medien in reißerischen Beiträgen immer häufiger die fachliche Kompetenz der Experten diskutiert und einzelne Wissenschaftler werden gegeneinander ausgespielt. Anhand dieser polarisierenden Entwicklung wird deutlich, dass die Öffentlichkeit ihre Haltung, damit einhergehende Forderungen und das Verständnis von Wissenschaft gründlich reflektieren muss. Ein Plädoyer für die nötige Renaissance der Wissenschaftswahrnehmung.

„Wer verdient Vertrauen?“ lautet der Titel eines kürzlich erschienenen Gastbeitrags des Philosophen Thomas Grundmann in der F.A.Z.-Ausgabe vom 3. April 2020. Eine emotional formulierte und zentrale Frage in der aktuellen Debatte um die wissenschaftliche Expertise bezüglich der Corona-Krise und den daraus abgeleiteten optimalen oder zumindest bestmöglichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Denn Vertrauen wird laut Psychologen und Neurowissenschaftlern vor allem von emotionalen Faktoren bestimmt, wird mitunter anhand der eruierten Vertrauenswürdigkeit des jeweiligen Gegenübers bemessen, die sich zum Beispiel von Körpersprache, Sprachgebrauch und persönlicher Vita ableiten lässt. In der Öffentlichkeit herrscht der Konsens, dass bilaterales, starkes Vertrauen darüber hinaus maßgeblich durch Handeln bestimmt wird, indem sich das Gegenüber immer wieder beweist. Die einfache Maßregel lautet hier: Auf Worte folgen Taten. Versprechen werden eingehalten.


Wie hängen diese Ausführungen mit der Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Experten, konkret den Epidemiolog*innen und Virolog*innen und dem daraus resultierenden Vertrauen ihnen gegenüber in der aktuellen Corona-Krise zusammen? In seinem Artikel argumentiert Grundmann, dass die Öffentlichkeit sich vornehmlich an der Uneinigkeit der Experten störe und die verschiedenen Stimmen führender Wissenschaftler des Faches als „verwirrend“ empfände. Erschwerend hinzu komme, dass hoch angesehene Experten ihre Meinung in Grundsatzfragen wie etwa der Nützlichkeit von Atemschutzmasken und Kontaktsperren laufend revidierten.


Diese Ausführungen, die sicher den Kern des problematischen Verhältnisses von Öffentlichkeit – hier sind im weiten Maße die Medien und Bevölkerung gemeint – zu Wissenschaft streifen, verfehlen jedoch das eigentliche Dilemma, das viel tiefer reicht als die Tatsache, dass Experten momentan keinen Konsens liefern können. Das Dilemma besteht in der grundsätzlichen Haltung gegenüber Wissenschaftlern bzw. der Wissenschaft im Allgemeinen, da sie auf falschen Annahmen und Vorurteilen beruht. Über unterschiedliche Disziplinen hinweg werden Wissenschaftler als realitätsfern wahrgenommen, die in ihrem Elfenbeinturm weit weg von allem säßen und meist unbeeindruckt von realen Entwicklungen Theorien spinnen würden. Insbesondere auf dem Gebiet der Medizin erweckt der Tenor in den Social-Media-Kanälen dieser Tage den Eindruck, dass die Wissenschaftler Halbgötter in weiß seien, und ein Irrtum oder Revidieren einer Ansicht in Grundsatzfragen käme demnach einem Versagen als Experte gleich.


Die Äußerungen der Öffentlichkeit infolge der medizinischen und mathematischen Einschätzungen der Experten im Laufe der Corona-Krise legen offen, dass erstere die Haltung gegenüber der Wissenschaft mitsamt der geltenden Vorurteile dringend überdenken muss, um einen gesitteten und zielführenden Dialog mit Experten dieses Gebiets aufrechtzuerhalten und gar zu stärken. Dabei bestehen zwei elementare Missverständnisse über die wissenschaftliche Arbeit und das Selbstverständnis von Wissenschaftler*innen, das ungeachtet der speziellen Disziplin besteht und die Wissenschaft als treibende Kraft von Innovation und Schöpfergeist bestimmt.


Zum einen lohnt sich ein Blick auf den Prozess wissenschaftlicher Arbeit. Insbesondere auf den Gebieten der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wurden in einem Zeitraum von ca. 150 Jahren eine Vielzahl von Theorien und Paradigmen aufgestellt, getestet, kritisiert, oftmals sogar empirisch widerlegt, neu ausgerichtet und um wichtige Aspekte ergänzt. In vielen Fällen ist dies aufgrund verbesserter Datenlage durch erhöhte Transparenz und der steigenden Menge an Datensätzen in Form von Zeitreihen oder Paneldaten geschehen. Dieser Prozess konstituiert Wissenschaft. Wissenschaft bedeutet ständiges Revidieren und Hinterfragen der eigenen Annahmen, Glaubenssätze und angewandten statistischen Methoden als Handwerkszeug des Wissenschaftlers. Denn ebenso wie eine Theorie sich als Trugschluss herausstellen kann, ist oftmals auch die angewandte empirische Methode zur Prüfung der Theorie fehlerhaft oder schlichtweg ungeeignet. Dieser Prozess benötigt Zeit und Sorgfalt, und von außen betrachtet scheint es daher oftmals so, als wäre Wissenschaft „langsam“ oder „hinterher“. Doch rückwärts gerichtete Forschung, die auf historischen Daten beruht, muss nunmal auf die Daten setzen, die gegenwärtig in einem kontinuierlichen Prozess generiert werden und erst retrospektiv analysiert werden können (auf die Corona-Krise bezogen etwa die Wirksamkeit der Lockdown-Maßnahme).


Eine zweite Erkenntnis als Voraussetzung für eine Renaissance der Wissenschaftswahrnehmung wurzelt in der statistischen Komponente von empirischen Analysen. Hierzu eine Anekdote aus der Psychologie: Die Forscher Leif D. Nelson, Joseph Simmons und Uri Simonsohn postulierten in einem Paper aus dem Jahr 2018, dass bis zu ca. 60% der veröffentlichten Studien auf dem Gebiet der Psychologie falsch positiv sein könnten, d. h. dass in der Studie ein zu beobachtender Effekt, etwa die Wirksamkeit einer psychologischen Behandlung, aufgrund der Daten angenommen und in der Studie als statistisch signifikant erachtet wird, obwohl dieser in Wirklichkeit gar nicht existiert (übertragen auf das Beispiel der psychologischen Behandlung diese in Wahrheit also unwirksam wäre). Die Anzahl veröffentlichter Studien, bei denen ein Effekt unterstellt wird, der in der Realität nicht existiert, ist eine Funktion des gewählten Signifikanzniveaus der Studie, das wiederum mit der angenommenen Verteilungsfunktion der untersuchten Relation zusammenhängt. Die Eindämmung der falsch-positiven Studien setze Kontrollmechanismen in der Forschung voraus, etwa das Registrieren einer vorzunehmenden Studie mit Informationen zu theoretischen Annahmen und der Wahl der empirischen Methode, mit der die Daten ausgewertet werden, auf einer öffentlich zugänglichen Onlineplattform. Dies muss geschehen, noch bevor mit der Datenerhebung und empirischen Arbeit begonnen wird, denn nur auf diese Weise wird statistisch saubere Arbeit garantiert und die Möglichkeit der Datenmanipulation deutlich reduziert. Eine zweite wirksame Maßnahme, um gegen veröffentlichte falsche Befunde in der Wissenschaft vorzugehen, seien die sog. Wiederholungs-Studien (engl. replication studies). Hierbei wird der originale Datensatz einer Studie unter Einhaltung gewisser Regeln und Standards von einem anderen Wissenschaftler erneut analysiert oder ein neuer Datensatz, der sich der gleichen Messgrößen und Definitionen der Variablen bedient, erhoben, um die Ergebnisse der wiederholten Studie mit denen der Originalstudie vergleichen zu können. Ergo setzt die Kritik an wissenschaftlichen Studien und empirischer Forschung nicht nur ein solides Grundverständnis in angewandter Statistik und mathematischen Verteilungsfunktionen voraus, sondern auch Demut darüber, dass absolute Wahrheiten in den wenigsten Fällen eindeutig zu postulieren und durch empirische Tests nur schwer eindeutig verifizierbar sind.


Als letzten Aspekt gilt es zu beleuchten, dass in der aktuellen Corona-Debatte die Forscher sich schließlich dem Wettlauf gegen die Zeit gegenübersehen unter dem prüfenden, mahnenden und ungeduldigen Auge der Öffentlichkeit. Was im wissenschaftlichen Prozess natürlich und unvermeidbar ist – das Irren, Revidieren von Annahmen und Meinungen sowie das Anpassen an sich immer wieder ändernde Rahmenbedingungen – soll nun mit künstlich beschleunigter Geschwindigkeit geschehen und wird von Medien, Politikern wie der allgemeinen Bevölkerung ständig kommentiert und kritisiert.


So kann Vertrauen selbstverständlich nicht aufgebaut oder aufrechterhalten werden, denn es bedingt zudem einer weiteren Komponente: im Englischen wird es als „benefit of the doubt“ bezeichnet, dem Vertrauensvorschuss, bei dem im wechselseitigen Vertrauensverhältnis dem Gegenüber eine grundsätzlich gutmütige, wohlwollende Haltung und die nötigen Fähigkeiten oder Eigenschaften, um seine Aufgaben gewissenhaft bewältigen zu können, zugeschrieben werden. Daher ist es an der Zeit, dass die breite Bevölkerung und ebenso die meinungsbildenden Medien ihr Verständnis von Vertrauen und (eventuell unbewussten) Vorbehalten gegenüber Wissenschaftler*innen gründlich überdenken, insbesondere wenn sie das nächste Mal den Impuls verspüren, mit erhobenem Zeigefinger ein revidiertes Expertenurteil anzuprangern. Denn entgegen glorifizierter Darstellungen ist kein Mensch frei von Irrtümern, Fehlern oder Fehlurteilen, und Lateinkenner wissen: errare humanum est.

Wissenschaft lebt von Vielfalt der Perspektiven, von Diskussion und kritischem Hinterfragen


Text von Carolin Kassella


Dieser Artikel wurde zusätzlich im Meinungs- und Debattenmagazin The European veröffentlicht (24.04.2020)

Link: https://www.theeuropean.de/carolin-kassella/plaedoyer-fur-eine-renaissance-der-wissenschaftswahrnehmung/


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