Suche
  • Carolin Kassella

Zeitalter der Unverbindlichkeit


Immer öfter habe ich innerhalb der letzten Monate darüber sinniert, wie sehr sich die sogenannte Unverbindlichkeit als Erscheinung in unserer modernen Gesellschaft etabliert und manifestiert hat. Je stärker ich meinen Fokus auf diesen Gedanken legte – sei es bewusst oder genauso häufig auch unbewusst –, desto deutlicher offenbarten sich mir die Ausprägungen und Auswirkungen dieses Phänomens. Dabei äußert sich die Unverbindlichkeit in vielerlei Lebensbereichen und generationsübergreifend.


Ich teile sie schematisch in drei Facetten auf: die räumliche, zwischenmenschliche und geistesbezogene Unverbindlichkeit. Die räumliche Unverbindlichkeit bezeichnet den Unwillen bzw. die mangelnde Bereitschaft der Menschen, sich auf einen bestimmten Ort festzulegen und sich über einen langfristigen Zeitraum, also mindestens 10 bis 20 Jahre, oder gar den wesentlichen Großteil des Lebens, dort niederzulassen.


Im Englischen wird dieses Phänomen, das mittlerweile eine enorm negative Konnotation trägt, „to settle“ genannt; häufig wird damit allerdings etwas umfassender das Abfinden des Einzelnen mit den gegebenen Umständen, mittelmäßiger Zufriedenheit, eher durchschnittlichen Verhältnissen und die gleichzeitige Aufgabe des Strebens nach „mehr“ – meist gleichgesetzt mit (materiellem) Erfolg oder Selbstoptimierung – bezeichnet und der englische Begriff geht somit über den rein geografischen Aspekt hinaus. Manche mögen es noch expliziter und mit einer nahezu schonungslosen Endgültigkeit darstellen: Wer „settled“, hat sich und sein Leben mit all den Träumen, großen Wünschen und geheimen Begehren bereits aufgegeben.


Dieses settlen kann daher ebenso auf den zweiten Bereich der modernen Unverbindlichkeit übertragen werden: die zwischenmenschliche Beziehungsebene. Damit sind neben dem offensichtlichen und oftmals engsten Beziehungskonstrukt, der monogamen Liebesbeziehung, ebenso Freundschaften, das Verhältnis zur Familie und weitere, eher lockere Bekanntschaften eingeschlossen. Unverbindlichkeit äußert sich hier vor allem im Alltäglichen, in den kleinen Dingen, die eine Beziehung jedoch ebenso im Kern definieren, wie grundsätzliche Haltung gegenüber dem oder der Anderen, dem verbundenen Respekt, Vertrauen, Ehrlichkeit, dem Einstehen für ähnliche Werte und Moralvorstellungen sowie eine harmonisch übereinstimmende Weltanschauung.


Im Kosmos dieser Kleinigkeiten bedeutet Unverbindlichkeit zum Beispiel, die Einladung zum gemeinsamen Essen offen zu halten – via „Facebook-Invite“ ist das heutzutage ja Gott sei Dank sehr einfach und subtil zugleich –, oder Konversationen oftmals über Nachrichtendienste abzuhalten, bei denen die Antwortdauer variieren und man immer eine Ausrede hervorbringen kann, warum die Konversation einschlief oder es mit dem Telefonat schon so lange nicht klappt. Man war zu beschäftigt gewesen, oder die Technik versagte, oder man hatte es in peinlicher Manier schlichtweg überlesen – schließlich warten ja dutzende, je wichtiger und beliebter die Person sogar hunderte dieser Chat-Verläufe sehnlichst auf Antwort.


Mit dieser Ebene verwandt ist die dritte Komponente der Unverbindlichkeit, die die allgemeine Geisteshaltung der Menschen betrifft. Dies bedeutet konkret, dass ich in der Festlegung auf Werte, Meinungen, Erwartungen und auch auf meinen eigenen Charakter bezogen völlig frei und wandelbar bin, und von heute auf morgen gewisse, gar elementare Ansichten ändern kann und darf. Wer sich zuvor vierzig Jahre lang von Fleisch ernährte, wird plötzlich Veganer. Menschen, die sich bis dato nie Gedanken über die Erderwärmung gemacht hatten, mutieren binnen weniger Wochen zum Klimaaktivisten und erklären die Vergeltung der Umweltsünder zur neuen Lebensaufgabe. Jeder darf sich neu erfinden und wird immer häufiger von Life-Coaches und Psychologen sogar dazu ermutigt. Mit Mitte 40 oder auch Mitte 50, 60, 70 ein anderes Leben beginnen, eine neue Identität finden, alten Ballast abwerfen und nach einem völlig anderen Maxim das gesellschaftliche Leben bestreiten. Jobwechsel, Selbstfindungsreisen, Minimalismus, Sabbatical. Dies ist eine Auswahl an Ausprägungen, die eine sich jüngst vollziehende gesellschaftliche Entwicklung widerspiegeln und Teil dieses großen Mosaiks der Unverbindlichkeit sind.


Gerade die zuletzt genannten Entwicklungen wirken auf den ersten Blick als äußerst positive Faktoren für das Streben nach einer modernen, flexiblen, leistungsfähigen, liberalen, demokratischen, weltoffenen und toleranten Gesellschaft. So weit, so gut. Weitergedacht verbergen sich dahinter jedoch ebenso Gefahren und Dilemmata, die schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringen könnten. Wir sollten selbstkritisch und durch Zurückbesinnen auf die großen Philosophen und Soziologen der heutigen Gesellschaft sowie vergangener Zeiten hinterfragen, inwiefern diese Unverbindlichkeit einer nötigen Standhaftigkeit sowie dem Einstehen für wichtige Grundwerte und Charakterstärke gegenüber steht.


In Zeiten, in denen gewollt polarisierende Nachrichten-Berichterstattung aktiv gelebt und gefördert und das Instrument des Emotionalisierens gesellschaftsrelevanter Themen bewusst von verschiedenen Medien, einschließlich dem hochexplosiven Diffusionsmechanismus durch die Neuen Medien (insb. die prominenten Social Media Kanäle), gewählt wird, kann eine solche geistesbezogene Unverbindlichkeit im Sinne einer mangelnden Standhaftigkeit und fehlenden Überzeugung fatale Auswirkungen für den Prozess der gesellschaftlichen Konsensbildung und weiterreichend für unsere moderne Zivilgesellschaft im Allgemeinen nach sich ziehen.


Eine von falschen, bewusst einseitig aufbereiteten oder manipulierten Nachrichten befeuerte Unstimmigkeit oder die kollektive Meinungsbildung auf Grundlage falscher Fakten im Rahmen einer Gesetzbildung bzw. der vorangehenden öffentlichen Diskussion über die Einführung eines neuen Gesetzes könnte beispielsweise dazu führen, das neue Gesetze, die für die Gesellschaft weitreichend negative Auswirkungen haben, eingeführt werden. Denkbar wäre ein solcher Fall etwa in der aktuellen hitzigen Debatte zur Klimapolitik durch vorschnelle Entscheidungen aufgrund enormen Drucks verschiedener Interessensgruppen und Klimabewegungen, kombiniert mit entsprechendem (einseitigem) Medienecho. Da diese Beschlüsse oftmals nicht direkt widerrufbar sind und bis zu einer möglichen Umkehrung Jahre verstreichen, so dass sich die negativen Konsequenzen in der Zwischenzeit manifestieren, kann dies in einer Abwärtsspirale resultieren, die die Gesellschaft noch weiter spaltet und zu sich intensivierenden Unruhen und Disputen innerhalb der Bevölkerung führt.


Ein weiteres Beispiel für die fatalen Konsequenzen einer zunächst unscheinbaren Unverbindlichkeit im Sinne der (politischen) Gleichgültigkeit zeigt sich bereits seit Jahrzehnten immer wieder bei demokratischen Wahlen zur Regierungsbildung –insbesondere auf Bundesebene, wie jüngst die Beispiele Donald Trump in den USA oder die Alternative für Deutschland (AfD) mit ihrem rasanten Zuwachs der Wählerstimmen auf Länder- bzw. Kommunalebene eindrucksvoll demonstrieren.


Der Fall Donald Trump ist, insbesondere beflügelt durch die amerikanischen Medien und die taktisch bis ins geringste Detail kalkulierte Social Media-Kommunikationsstrategie der Trump-Administration, ein Paradebeispiel, an dem die Auswirkungen einer Unverbindlichkeit und naivem Zögern einer großen Masse der Bevölkerung für die langfristige Entwicklung eines Staates deutlich werden. Die Gesellschaft ist sichtbar gespalten und die USA isoliert sich zunehmend durch die protektionistische Strategie der Trump-Administration auf politischer, wirtschaftlicher und zunehmend auch auf gesellschaftlicher Ebene vom Rest der Welt. Viele U.S.-Bürger sowie der Rest der Welt waren gleichermaßen geschockt, als sich Trumps Wahlsieg abzeichnete. Konsequenz einer jahrelangen Unverbindlichkeit, die schließlich in Ignoranz und Unwissenheit gipfelte? Das Brexit-Phänomen spielte sich gesellschaftlich auf ähnlicher Ebene ab. Die schockierten Gesichter der „Remain“-Wähler bei der Bekanntgabe des Votums im Jahr 2016 glichen in ihrer überrumpelten Ergriffenheit denen ihrer amerikanischen Counterparts, die ihr „böses Erwachen“ wenige Monate später erlebten.


Zu argumentieren, dass diese Resultate einzig auf die allgemeine gesellschaftliche geistesbezogene Unverbindlichkeit, die sich in den verschiedenen Attributen wie z. B. Gleichgültigkeit, Naivität oder gar Apathie manifestiert, zurückzuführen sind, wäre durchaus überspitzt. Allerdings besteht nachweislich ein Zusammenhang zwischen dem aktuellen Selbstverständnis der Bürger in den westlichen Demokratien und den gesellschaftspolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre.


Daher drängt sich unmittelbar die fundamentale Frage auf, ob es einer Reform des gesellschaftlichen Verständnisses von Verantwortung und der Rolle des Bürgers als aktiver Gestalter in unserer modernen Demokratie bedarf. Gibt es gewisse Themen und Belange, die eine vehemente Verbindlichkeit in Meinung und Positionierung erfordern? Kann eine Regierung, die die Energiewende mit dem stolzen Verkünden des Ausstiegs aus der Kohle- und Atomkraft lautstark einläutet, um dann wenige Jahre später zurückzurudern (während unsere freundlichen Nachbarn weiterhin fröhlich Energie aus Braunkohle erzeugen), als Leitbild für eine Gesellschaft mit festen Werten und Standhaftigkeit in wichtigen Belangen dienen? Sollte diese Vorbildfunktion nicht das oberste Maxim einer Regierung darstellen?


Ebenso liegt die Verantwortung bei den Bildungsinstitutionen und privaten Haushalten, die Rolle einer verbindlichen Haltung und Lebensweise stärker in den Vordergrund zu rücken und das Vermitteln gewisser Werte, verbunden mit Charakterstärke, die nötig ist, um diese Werte durch Standhaftigkeit im Zweifelsfall zu verteidigen und aktiv für sie einzustehen, täglich prominent zu leben. Spannend ist in diesem Zusammenhang ebenso die Frage, inwiefern die drei eingangs erläuterten Ausprägungen der Unverbindlichkeit im gesellschaftlichen Leben zusammenhängen und wechselseitig aufeinander wirken.


Unverbindlichkeit mag für den Einzelnen viele Vorteile mit sich bringen und spiegelt den Wohlstand unserer Gesellschaft heute in großen Teilen wider. Allerdings sollten wir uns der Fatalität von Unverbindlichkeit in Belangen, die Verbindlichkeit erfordern, bewusst sein – denn ob eine Eigenschaft, eine Sache, eine Innovation, eine Entscheidung Fluch oder Segen darstellt, liegt bekanntlich in den Händen der Menschen, und was wir daraus machen.


Data Privacy Policy | Impressum

© 2019 Carolin Kassella